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Ziemlich schwierige Freundschaft – 25.05.2016, Handelsblatt

Deutschland und Frankreich sind die wichtigsten Triebkräfte der EU, verstehen sich aber nicht. Das sagt Frankreich-Kenner Ulrich Wickert im Handelsblatt Wirtschaftsclub. Dort erklärt er, warum Franzosen Merkel schätzen.

Hamburg. Schon ziemlich früh an diesem Abend wird klar, dass die Sache mit den deutsch-französischen Beziehungen nicht so einfach ist. „Vielleicht gibt es in Europa keine zwei Völker, die sich so wenig verstehen“, sagt Ulrich Wickert. Der Autor und Journalist, der von 1991 bis 2006 im Ersten die „Tagesthemen“ moderierte, weiß wovon er spricht. Bereits als Jugendlicher zog er 1956 nach Paris. Sein Vater arbeitete damals als Referent für die deutsche Vertretung bei der NATO, die seinerzeit ihre Zentrale noch an der Seine hatte.

Die Verbindung nach Frankreich riss nie ab: Von 1984 bis 1991 leitete er das ARD-Studio Paris. Für seine Verdienste um die deutsch-französische Freundschaft wurde er 2005 zum Offizier der französischen Ehrenlegion ernannt. Heute gilt Wickert als der deutsche Frankreich-Experte. Und als solcher sitzt er nun im Hamburger Braugasthaus „Altes Mädchen“. Im Rahmen des Handelsblatt Wirtschaftsclubs spricht er mit dessen stellvertretenden Chefredakteur Thomas Tuma über „Europa zwischen Vision, Wirklichkeit und Wahnsinn“.

Die Achse Berlin-Paris ist, daran hat der 73-Jährige keinerlei Zweifel, sei „essentiell“ für ein vereinigtes Europas: „Schon Churchill wusste, dass es eine europäische Einigung nur geben kann, wenn Deutschland und Frankreich der Motor dieses Prozesses sind.“

Aber wie kann Europa funktionieren, wenn Deutsche und Franzosen sich laut Wickert nicht verstehen? Wickert verweist auf persönliche Begegnungen wie sie im Rahmen des deutsch-französischen Bildungswerkes, aber auch durch Städtepartnerschaften ermöglicht werden. Und auch auf Regierungsebene sein ein guter persönlicher Draht nützlich. Der Journalist bekam aus nächster Nähe mit wie Gerhard Schröder und Jacques Chirac, die sich zunächst kaum etwas zu sagen hatten, einander annäherten. Auch Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble und sein französischer Amtskollege Michel Sapin verstünden sich gut.

Angela Merkel würden die Franzosen schätzen. „Sie haben sie in der Flüchtlingskrise für ihren Satz ,Wir schaffen das‘ bewundert“, sagt Wickert. „Das Magazin ,Le Point‘ hat sogar getitelt ,Warum ist sie keine Französin?‘“ Auf Nachfrage räumt er aber ein, dass die Kanzlerin für diesen Satz in Frankreich kaum gewählt worden wäre. Die Flüchtlingspolitik der Grande Nation ist vergleichsweise restriktiv. Gerade mal 30.000 Schutzsuchende will Frankreich aufnehmen.

Von Arroganz und Musterknaben
Dennoch hält es Wickert für „arrogant“, dass sich manche Deutsche den Franzosen in diesem Punkt moralisch überlegen fühlen. „Vor der Zuspitzung der Krise im August 2015 haben wir auch kaum Flüchtlinge aufgenommen“, sagt er „Wir sind da keine Musterknaben.“ Die Franzosen ihrerseits hätten in den 70er-Jahren viele Flüchtlinge aus Indochina ins Land gelassen.

Der ehemalige „Tagesthemen“-Moderator ist sich bewusst, dass die Flüchtlingskrise Europa vor eine Zerreißprobe stellt. Er glaubt aber, dass dieses Problem gelöst werden könne. „Vielleicht wäre die Entwicklung eines Kern-Europa der Ausweg“, sagt er. „Dieses Kern-Europa könnte vorangehen. Und die anderen Staaten müssten dann entscheiden, ob und in welchem Tempo sie folgen wollen.“

Er ist sich sicher, dass eine Mehrheit der Franzosen nach wie vor an die europäische Idee glaubt – trotz des starken Front National. „Die europakritische Bewegung ist stark, aber es gibt nicht nur in der französischen Politik auch viele Streiter für Europa“, sagt Wickert. Dass die Rechtspopulisten um Marine Le Pen den nächsten französischen Präsidenten stellen, hält er für so gut wie ausgeschlossen: „Das französische Wahlsystem sorgt bislang dafür, dass der Front National anfangs viele Stimmen, dann aber keine Macht bekommt. In oft zu beobachtenden zweiten Wahlgängen bleibt für die Partei von Madame Le Pen meist kein Mandat übrig.“

Das Erstarken der Rechtspopulisten in Frankreich führt Wickert auf „die absolute Verzweiflung der Wähler gegenüber ihrer politischen Klasse“ zurück. Er selbst ist der Ansicht, dass wichtige Reformen jahrelang verschleppt wurden. Es sei vernünftig, dass der neue Wirtschaftsminister Emmanuel Macron nun überholte Arbeitsrechtsvorschriften wie die 35-Stunden-Woche aufweiche. Das hat im Land allerdings zu Massenprotesten und Streiks geführt. Dafür hat Wickert kein Verständnis. Die Protestierenden und Streikenden seien „reaktionär“. Sie wollten „nur zurück“ und hätten „Angst vor dem Risiko“.

Aber auch in Deutschland gehe es nicht immer voran: „Die jetzige Berliner Regierung“ sei „schon derart lange im Amt, dass dabei bisweilen die Phantasie und die Lust auf Veränderung verloren geht.“ Ausgerechnet der Bundesfinanzminister, mit 73 Jahren der Kabinettssenior, ist für Wickert so etwas wie ein Hoffnungsträger: „Schäuble könnte Impulse für etwas Neues geben.“

Es sind ernste Probleme, die an diesem Abend verhandelt werden. Doch weil Wickert sie mit großer Zuversicht angeht, überträgt sich seine gelassene Stimmung auch auf das Publikum. Und so ist es keineswegs unangemessen, dass sich der Grandseigneur des deutschen TV-Journalismus von seinen Zuhörern so verabschiedet, wie er es einst als Moderator der „Tagesthemen“ tat: Er wünscht ihnen „einen angenehmen Abend und eine geruhsame Nacht“.

Kai-Hinrich Renner

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