Ulrich Wickert

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Ich habe einen Traum

Ulrich Wickert, 59, geboren in Tokyo, moderiert seit 1991 die „Tagesthemen“ in der ARD. Zuvor war er als Korrespondent in den USA und vor allem in Frankreich unterwegs. Der Bestsellerautor ist bekennender Genussmensch, der sich bei Rotwein gut, aber besser noch bei französischem Käse auskennt: Er ist Ehrenmitglied der Käsegilde Confrérie de Saint-Uguzon.

Mein Traum, von dem ich hier erzählen will, führt mich mehr als 200 Jahre zurück. 1789 ist Paris eine furchtbar stinkende Stadt. Das wissen wir vom Pariser Schriftsteller Mercier, der in seinen zeithistorischen Chroniken ein äußerst anschauliches Bild der größten Kloake Frankreichs gezeichnet hat. Paris ist eine einzige Latrine, König und Adel haben sich längst nach Versailles davongemacht, um ihre Nasen aus den Zonen des Gestanks zu ziehen. Es ist die Zeit der revolutionären Veränderungen, der Aufstände der Bürger gegen die Obrigkeit. Ihr Anführer Maximilien de Robespierre plant, ein Gerät in Betrieb zu nehmen, das ein Arzt namens J. I. Guillotin erfunden hat: die Guillotine. Dieses messerscharfe Ding soll all jene ins Jenseits befördern, die nicht nach dem folgenschweren Motto parieren: „Bist du nicht für meine Revolution, dann bist du gegen mich.“

Ich träume davon, dass ich Robespierre von seinen Plänen abhalte. Was daraus folgt, ist in der Tat ein übermächtiger, idealistischer Traum. Die Weltgeschichte wäre um das Blutvergießen vieler Völker ärmer - aber was stünde anstelle der Gewalt?

Paris. Ich treffe am Abend ein und bin gekleidet wie jedermann. Meine Überlänge macht mir Sorgen, weil die Männer damals sehr viel kleiner sind, doch betrachte ich diesen Umstand als zweitrangig. Ich habe ein Magenmittel dabei, weil ich aus Büchern weiß, dass Robespierre sich häufig unwohl fühlt. Er sitzt mit seinen Getreuen in einem mit Kerzen spärlich beleuchteten Lokal: Vereinzelte Fackeln, die beißende Petroleumdämpfe verteilen, malen geisterhafte Schatten an die Wand. Ich stelle mich vor als Besucher aus dem Norden, der in Paris medizinisch-wissenschaftliche Studien betreibt. Man bittet mich an den Tisch, setzt mich an die Seite des Revolutionsführers, der mir dadurch auffällt, dass er besonders ungewaschen riecht. Ich frage ihn, wie es ihm geht, und er antwortet: „Monsieur, meine Gedanken sind frei, allein mein Bauch, er streikt.“ Ich berichte ihm von einer Pille, die ich dabeihabe, gebe sie ihm und fordere ihn auf, Wasser zu nehmen und keinen Wein.

Ich will mit ihm über das Richtschwert reden, die Guillotine. Er nimmt mich mit zu dem Schreiner und Klavierbauer Schmidt, einem Rheinländer. Seine Werkstatt in der Rue Saint-André des Arts flößt mir einigen Respekt ein, denn hier baut er nach Guillotins Plänen das Fallbeil, das später viele Menschen den Kopf kosten wird. Danach begleite ich Robespierre zu Monsieur Guillotin, dem Arzt, der das Mörderding erfunden hat. Ich präge mir beide Adressen ein, denn ich will sie noch einmal allein besuchen.

Unterwegs frage ich Robespierre: „Warum die Guillotine?“ Er antwortet: „Sie ist der Fortschritt, denn sie unterscheidet die Getreuen von den Ungetreuen.“ Ich sage: „Sie ist ein imperatives Element, das Allerletzte, die Ultima Ratio.“ - „Eben drum“, sagt er ungerührt. „Wer etwas Großes erreichen will, muss die Unwägbarkeit ausschließen.„ - „Und was ist mit Kritik, dem Mittel, etwas infrage zu stellen?“ Robespierre antwortet: „Wer weiß, was er will, kann sich mit Kritik nicht aufhalten.“ Er spricht seine Sätze, als füge er ihnen stets ein Ausrufezeichen an.

Wieder allein, besuche ich Monsieur Guillotin und offenbare mich ihm. Ich berichte davon, wohin in meiner Zeit die wissenschaftlichen Forschungen der Ingenieure letztendlich führten, als sie die Atombombe erfunden hatten. Er antwortet, dass seine Erfindung sehr saubere Schnitte mache und die Verurteilten mit einem Schlag vom Leben in den Tod brächten. „Ein schneller Tod, Monsieur, ganz human!“

In der folgenden Nacht plagen mich wilde Träume. Ich stehe vor einem Tribunal, vor dem ich mich für meine Meinungen rechtfertigen muss. Es geht um Glaubenskrieg, Terror und meine Ansicht, dass Gewalt immer auch Gegengewalt hervorbringt. In meinem Plädoyer sage ich, dass wir Gefahr laufen - so wie bei Robespierre -, uns gegenseitig zu guillotinieren, wenn wir die Meinung und den Glauben anderer nicht tolerieren, nicht respektieren.

Verschwitzt wache ich auf aus meinem Traum im Traum, ich fühle mich zerschlagen und wie im Fieber. Ich muss noch mal zum Schreiner Schmidt.

Rrrumms! Schmidt lässt das Messer des Fallbeils auf den Holzklotz fallen, der einer Puppe den Kopf abtrennt. Er fällt zu Boden. Ein Schnitt wie durch Papier. Der Schreiner im Glück. Sein Gerät funktioniert. In einer Ecke sehe ich die Konstruktionspläne liegen.

Ich stecke sie mir unbemerkt unter den Mantel und verlasse eilig seine Werkstatt. Ich treffe Robespierre an der Place de la Concorde, hier soll bald weithin sichtbar die Guillotine stehen. Ich wage mich abermals aus der Deckung. Ich erzähle ihm von den Kriegen, die noch kommen werden: von Napoleon, dessen Armeen wahllos Völker überfallen, mordend und brandschatzend; von den so genannten Befreiungskriegen; von den Ländern Europas, die jahrelang zerrissen sind in kleine Flecken Erde, auf denen Adlige nach Gutdünken herrschen; von Preußen und seinen Niederlagen und Siegen; von Marx und Mao, Stalin und Hitler.

Und natürlich von Verdun. Vom Stellungskrieg. Von den 18-Jährigen, die dort fallen werden. Und ich schildere ihm die Gräber an der normannischen Küste mit den englischen, kanadischen, amerikanischen, deutschen Gefallenen.

Robespierre kann nicht fassen, was ich alles auf seine Guillotine zurückführe. „Sie ist“, sage ich und sehe ihm fest in die Augen, „sie ist das Instrument gegen die Freiheit Andersdenkender.“ Als er wissen will, warum so viele Kriege nach ihm geführt werden, antworte ich ihm mit einem Zitat Goethes: „Wie man denn niemals mehr von Freiheit reden hört, als wenn eine Partei die andere unterjochen will und es auf weiter nichts angesehen ist, als daß Gewalt, Einfluß und Vermögen aus einer Hand in die andere gehen soll. Freiheit ist die leise Parole heimlich Verschworener, das laute Feldgeschrei der öffentlich Umwälzenden, ja das Losungswort der Despotie selbst, wenn sie ihre unterjochte Masse gegen den Feind anführt und ihr von auswärtigem Druck Erlösung auf alle Zeiten verspricht.“

Stumm sieht er mich an. Ich lasse ihn als Zweifler zurück. Am nächsten Tag bestellt er mich für einige Minuten zu sich. Er fragt: „Glauben Sie, das man etwas verändern kann, wenn man ohne Waffen ist?“

Ich antworte ihm: „Sind Worte denn keine Waffen? Ist der Streit um den richtigen Weg nicht die größte Waffe gegen den Stillstand? Ist die Hinrichtung eines Zweifelnden nicht das größte Eingeständnis eigener Unfähigkeit?“

Ich sage ihm nicht: Du selbst wirst unter der Guillotine sterben. Ich sage ihm auch nicht, dass ich die Konstruktionspläne gestohlen habe.

Zurück in meiner Pension, finde ich eine Depesche von ihm vor. Robespierre schreibt: „Guter Freund, kann eine einzige Veränderung in der Zeitgeschichte wirklich den Lauf der Zeit beeinflussen? Ist das Mittel der Gewalt und der Gegengewalt den Menschen nicht immanent?“ Ich schreibe ihm zurück: „Ich habe den Traum, ein Zweifler sein zu dürfen. Es ist der Traum davon, dass es keine Grenzen des freien Denkens gibt, dass niemand das Recht hat zu sagen: Glaubst du nicht an uns, dann stirb! Es ist der Traum von der Freiheit zu sagen, was man denkt, und zu denken, was man fühlt. Hinweg mit den Ausrufezeichen, hinweg mit der Norm, die Marionetten schafft.“ Ich verlasse Paris ohne eine Antwort von ihm.

In Hamburg werfen kleine Jungen Steinchen in die Alster. Die Steine springen über das Wasser und hinterlassen bei jedem Aufschlag Kreise, die ineinander gleiten. Ursache und Wirkung. Robespierre, denke ich, musste unter dem Gerät enden, das er selbst in Auftrag gab. So wurde der Richter zum Gerichteten. Vielleicht fehlte ihm nur die potion magique, der Zaubertrank, den Asterix und Obelix nahmen, um Hinkelsteine zu verrücken und Berge zu versetzen - und all das ohne Tote. Noch einmal reise ich zu Robespierre. Ich habe ein gar wundersames Magenpulver dabei

Marc Kayser

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