Ulrich Wickert

Impressum

Artikel ber mich
Seite drucken

Krimi: Der Nahost-Experte rezensiert fürs Abendblatt das neue Buch von „Mr. Tagesthemen“ - 05.09.2003, Hamburger Abendblatt

Scholl-Latour liest Wickert

Ulrich Wickert, endlich einmal ein deutscher Journalist, dem man die Freude am Erzählen nicht austreiben konnte.

Eine „fast wahre Geschichte!“ präsentiert er in seinem Roman „Der Richter aus Paris". Wickert kennt Frankreich, und er mag die Franzosen. Deshalb kommt bei der Lektüre all dieser Horrorgeschichten aus Indochina, aus Algerien und den gelegentlich mörderischen Intrigen der Fünften Republik zu keinem Zeitpunkt das Gefühl auf, der Autor lasse hier irgendeiner Häme oder Gehässigkeit freien Lauf.

Wer die „grande nation“ - ein Ausdruck, der aus den glorreichen Tagen der Jakobiner-Revolution stammt, aber heute vorwiegend von deutschtümelnden Skribenten benutzt wird - , wer also französische Politik intensiv erlebt hat, der weiß, „qu' on ne gouverne pas innocemment - dass man nicht in Unschuld regieren kann“. Unsere deutschen Parlamentarier, zumal wenn sie aus der 68er-Generation stammen und ihren Opportunismus mit humanitären Phrasen verschleiern, sollten sich diesen Spruch hinter den Spiegel stecken.

Warum mich dieses Buch sehr persönlich berührt? So manche Etappe meines eigenen Lebens finde ich da wieder, und ich kann bestätigen, dass es den General, der in Algerien den Folterungen beiwohnte, dass es den kommunistischen Intellektuellen aus Lyon, der seine Landsleute in den Gefangenenlagern des Vietminh einer grausamen Gehirnwäsche unterzog, wirklich gegeben hat. Leider sind sie beide - anders als bei Wickert - am Ende nicht von einer rächenden Kugel getroffen worden. Als ehemaliger Indochina-Soldat, der viel Schreckliches gesehen hat, möchte ich jedoch Zweifel anmelden an der aus Quang-Tri gemeldeten Sadisten-Episode, für die mir die Zeugenaussage eines im Exil lebenden Pianisten nicht ausreicht. Die Wirtin von Nizza hingegen, die am Tisch ihrer Gäste regelmäßig ein Glas Champagner zu Boden schmettert, ist mir wohl bekannt.

Die Inselwelt der frankophonen Antillen hat es Wickert besonders angetan. Bei seiner Begegnung mit Amadée, mit den Kreolen, die von den weißen Pflanzern noch vor 50 Jahren als „nègres“ begrüßt wurden - der große schwarze Antillen-Dichter Aimé Césaire hatte sich ja ohne jeden Komplex zur „négritude“ bekannt -, bei der Schilderung dieser „société multicolore“ kommt viel authentische Atmosphäre auf. Leicht hat es Wickert bei diesen Ausflügen in die Exotik nicht, denn in der Karibik hat man Tendenz, ihn an „The Comedians“ von Graham Greene, in Tonking und Algerien an „Les Centurions“ von Lartéguy zu messen.

Natürlich spielt die Erotik beim „Richter aus Paris“ eine zentrale Rolle. Aber Ulrich Wickert, als „homme femmes“ bekannt, kann es sich bei der Schilderung amouröser Szenen leisten, auf den schlüpfrigen Exhibitionismus zu verzichten, mit dem mancher moderne Autor - ich denke dabei nicht einmal an Houellebecq - den Publikumserfolg sucht. Ob der „Junge“ am Ende bei seiner schwarzen Amadée sein Glück finden wird, geht uns im Grunde nichts an.

Mehr denn je werde ich Ulrich Wickert in Zukunft mit einem Augurenlächeln begegnen und mit dem leisen Bedauern, dass ich nie den Mut aufbrachte, selber einen Roman zu schreiben.

Termine
Wickert unterwegs
Wie betrachtet man die Mona Lisa, wenn man nicht als Kunstbanause gelten will?
Quelle / © : Süddeutsche Zeitung Magazin
Sind ältere Männer bessere Liebhaber?
Quelle / © : Süddeutsche Zeitung Magazin
Können Sie sich vorstellen, noch einmal SPD-Mitglied zu werden?
Quelle / © : Süddeutsche Zeitung Magazin
Wie guckt Ronaldinho?
Quelle / © : Süddeutsche Zeitung Magazin
Können Sie eigentlich Golf spielen?
Quelle / © : Süddeutsche Zeitung Magazin
Wie schaut der Franzose, denkt er an die Deutschen?
Quelle / © : Süddeutsche Zeitung Magazin
Ihr todsicheres Frauenaufreißer-Gesicht?
Quelle / © : Süddeutsche Zeitung Magazin