Ulrich Wickert

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Porträt Ulrich Wickert

Die deutsche Fernsehnation kennt Ulrich Wickert vor allem als souveränen Tagesthemen-Moderator, der seinen Zuschauern regelmäßig eine „geruhsame Nacht“ wünscht und emotionslos „das Wetter“ ankündigt. Jetzt hat sich Wickert auch als Krimi-Autor versucht. Auf einer Lesereise durch die Republik machte der Journalist in Ravensburg Halt und bracht viel Zeit mit.

Frau muss aufpassen. Ruckzuck sind zwei Stunden verplaudert, ohne dass die meisten der sorgsam vorbereiteten Fragen gestellt wurden. Sich mit Ulrich Wickert zu verquatschen, fällt nicht schwer. Mr. Tagesthemen erzählt munter drauf los, philosophiert über Gott und die Welt, über schwäbische Spezialitäten („Ich würde so gerne mal wieder Lüngerl oder Buabaspitzle essen“) und sein französisches Feriendomizil. Er scheint es wahrlich zu genießen, nicht alles in 30 Minuten packen, nicht alles punktgenau und pointiert erzählen und nicht ständig den Blick Richtung Studiouhr richten zu müssen. Er habe noch viel Zeit. Schließlich sei es doch erst kurz nach 19 Uhr. Die Lesung im Ravensburger Schwörsaal beginnt um acht! 20 Minuten reichen ihm, sich schnell umzuziehen und vorzubereiten. Dabei hat der regelmäßige Tagesthemen-Gucker doch eher den Eindruck, Herr Wickert gehöre zu der Gattung der eitlen Menschen und lege viel Wert auf sein Äußeres. Doch weit gefehlt. Im lässig roten Polo-Shirt sitzt er im Straßencafé und gesteht: „Ich bin überhaupt nicht eitel und genieße es deshalb, im Ausland Urlaub zu machen, wo mich niemand kennt. Dort kann ich legere Kleidung tragen und tagelang unrasiert herumlaufen.“

Derzeit reist Wickert durch Deutschland, um sein neues Buch „Der Richter aus Paris“ vorzustellen. Und wird erkannt. Zögernd gehen die Menschen zuerst am Tisch vorbei, um sich dann doch umzudrehen und höflich, manchmal sogar fast schüchtern ein Autogramm zu erbitten. „Ich habe gerade im Radio gehört, dass sie in Ravensburg sind. Da habe ich zu meinem Mann gesagt: „Ich gehe mal in die Stadt und schaue, ob ich den Wickert sehe“, erzählt eine Dame, und schüttelt dem Tagesthemen-Moderator freudestrahlend die Hand. Der strahlt zurück und freut sich vor allem über die freundlichen jungen Menschen, die gerne ein Autogramm von ihm auf der Rückseite ihrer Monatsbusfahrkarte haben wollen. „Die werde ich immer behalten“, verspricht ein Teenie und zeigt sie stolz seiner Freundin.

Als Star fühlt sich Ulrich Wickert deshalb nicht. Im Gegenteil: Rummel um seine eigene Person ist ihm eher unangenehm. Fragen nach seinem Privatleben auch. „Diese Art der Öffentlichkeit ist mir lästig“, gesteht er. Keine Silbe kommt deshalb über die Lippen des wortgewandten 60-Jährigen, als er nach seiner 29 Jahre jüngeren, dritten Ehefrau gefragt wird. Der oft als Womanizer Betitelte schweigt und genießt.

Dagegen bricht sein Redefluss nicht ab, wenn sein neuestes Werk zur Sprache kommt. Nach mehreren Sachbüchern hat Wickert jetzt erstmals einen Krimi vorgelegt, der den Untertitel „Eine fast wahre Geschichte“ trägt. Der Pariser Untersuchungsrichter Jacques Ricou stößt darin auf Korruption, schwarze Kassen, Verrat und Mord, taucht ein in die Hölle der Gefangenenlager in Indochina und Algerien, reist ins Paradies auf Erden nach Martinique. Fast wahr? Ulrich Wickert erklärt, dass sich viele Begebenheiten und Umstände des Krimis genau so oder doch sehr ähnlich in Wirklichkeit abgespielt haben. Auch die eine oder andere Person habe durchaus reale Vorbilder. Deshalb habe der Krimi auch unbedingt in Frankreich spielen müssen. „Was in Frankreich passiert ist so absurd, dass es nur in Frankreich passieren kann“, erzählt Wickert. Außerdem könne er über die Grande Nation besser urteilen, weil er zu diesem Land mehr Abstand habe. Der in Tokio geborene Diplomatensohn, der mehrere Jahre lang in den USA und in Frankreich gelebt hat, bezeichnet ohne zu zögern Deutschland als seine Heimat. „Denn hier sammle ich meine Emotionen.“

Den Traum, einmal einen Krimi zu schreiben, hatte Wickert schon lange. Erstens weil er selbst begeisterter Krimileser ist und zweitens, weil ihm die Idee zum Plot schon vor Jahren kam. Dass sein neuestes Werk von der Kritik nicht nur gelobt wurde, sondern auch Sätze wie „Schuster bleib bei deinem Leisten“ fielen, scheint ihm wenig auszumachen. Sehr viel liegt ihm dagegen an der Reaktion des Publikums bei den Lesungen. „Sind die Leute aufmerksam oder schläft gar jemand ein? Lachen oder schmunzeln die Menschen tatsächlich an den Stellen an denen ich bewusst ironisch sein wollte? Solche Fragen sind für mich wichtig“, erklärt Wickert.

Der große Mann mit der markanten Nase und dem einnehmenden Lächeln begrüßt im ausverkauften Ravensburger Schwörsaal nicht umsonst sein Publikum mit den Worten „Ich freue mich, Sie zu sehen“. Und gibt gleich zu Beginn die amüsante Geschichte einer älteren Frau zum Besten, die ihn jüngst in einem Brief gefragt habe, wie ihm denn ihr neuer Teppich im Wohnzimmer gefalle?! Der Mann, der der Nation regelmäßig eine „geruhsame Nacht“ wünscht, genießt den direkten Kontakt zu seinen Hörern. Im Nachrichtenstudio hat er den nicht. Trotzdem macht dem Anchorman der Tagesthemen sein Job auch noch nach zwölf Jahren Spaß. Er sei immer noch neugierig, lerne stets hinzu und nehme Anteil. Seine Moderationen schreibt Wickert immer selbst. „Schließlich muss ich hinter den Dingen stehen, die ich sage. Die Art und Weise, wie ich das dann am Abend mache, überlege ich mir sehr gut“, erklärt er. Mit seiner eigenen Meinung zu den Geschehnissen des Tages muss er allerdings hinterm Berg halten, was ihm nach eigenem Bekunden oft sehr schwer fällt. Er sieht sich ausschließlich in der Rolle des Vermittlers. Seine Zwischentöne, seine Ironie, sein Humor und seine Bemerkungen zum „letzten Stand der Dinge“ allerdings sind längst zu einem Markenzeichen geworden.

Über sein Erfolgskonzept, das seit 1991 – damals trat er die Nachfolge des großen Hanns-Joachim Friedrichs an - aufgeht, will er nicht nachdenken. „Dann beginnt man bloß, an gewissen Dingen herumzudoktern, und die Spontanität geht verloren. Ich glaube nicht, dass das gut wäre“, meint der Nachrichtenmann. Konkurrenz, vor allem weibliche, fürchte er überhaupt nicht. Und auf die zunehmende weibliche Präsenz in deutschen Nachrichtensendungen angesprochen, meint er: „das Einzige, was die Nachrichtensendungen in den letzten Jahren verändert hat, sind nicht irgendwelche Personen, sondern allein die Technik. Selbst die privaten Sender haben gemerkt, dass sie mit ihrem locker-flockigen Stil nicht weit kommen.“

Manchmal bedauert Wickert, Nachrichten nur noch präsentieren zu können und nicht mehr als Korrespondent mitten im Geschehen zu stehen. Er lebe noch immer von dem, was er 15 Jahre lang an sehr interessanten Orten dieser Welt gemacht habe. Bei all jenen zahllosen Treffen mit den ganz Großen dieser Welt seien die Begegnungen mit den Schriftstellern Arthur Miller und Eugèene Ionesco die beeindruckendsten gewesen. Mit Ionesco habe sich daraus sogar eine Freundschaft entwickelt. Gab es auch weniger angenehme Gesprächspartner? Wickert grinst und meint dazu ohne Namen zu nennen: „Man lernt, mit der Arroganz der Macht umzugehen.“

Noch drei Jahre Tagesthemen, dann ist Schluss. Zumindest was Nachrichten angeht. Das steht für Ulrich Wickert fest. Er werde aber auf alle Fälle weiterhin Bücher schreiben. Und ansonsten mit großer Gelassenheit das Alter auf sich zukommen lassen. „Vielleicht ziehe ich auch noch einmal ins Ausland. In eine große Stadt. Denn ich bin durch und durch Großstadtmensch und will immer mitten im Geschehen leben“, sagt’s und genießt noch für ein halbes Stündchen die Kleinstadt-Idylle auf dem sonnendurchfluteten Ravensburger Marienplatz.

Simone Haefele

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