Ulrich Wickert

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Im Herz der Finsternis. Bombe mit langer Lunte: Ulrich Wickerts Politthriller. - 29.10.2005, FAZ

Als Ulrich Wickerts „Richter aus Paris“ seinen ersten Fall, eine Parteispendenaffäre auf Martinique, löste, bedauerte Peter Scholl-Latour mit wissendem „Augurenlächeln", daß er „nie den Mut aufbrachte, selber einen Roman zu schreiben". Diesmal hat der Alterspräsident der journalistischen Krisenreaktionskräfte noch mehr Grund zur Eifersucht. Der „Tagesthemen“-Moderator, mittlerweile Mitglied der Krimiautorenvereinigung „Syndikat“, hat, ermuntert durch die freundliche Aufnahme seines Debüts, nachgelegt und Richter Jacques Ricou in Scholl-Latours Revier Angola wildern lassen. Wieder sind höchste politische Kreise in eine gigantische Korruptionsaffäre verwickelt, die vom Innenminister bis hinunter zum Fußvolk der Geheimagenten, Söldner und femmes fatales reicht. Monsieur le juge muß Kopf und Kragen, Gänseleber und Bettruhe riskieren, um koloniale
Altlasten der Grande Nation und neuere Machenschaften der korsischen Mafia aufzudecken. Nach Amadée, der schönen kreolischen Witwe, ist es diesmal eine angolanische „Wüstendistel“, die den Untersuchungsrichter mitten ins Herz sticht. Lyse verlor als Kindersoldatin im Bürgerkrieg einen Zeh, aber nicht ihre aristokratische Nonchalance. Ricou wird der Wüstenprinzessin nicht nur seine Liebe, sondern auch den verlorenen Zeh im Kristallflakon nachtragen.

Wickert ist bekanntlich ein führender Repräsentant für Frankophilie und Savoir-vivre und spätestens seit erbaulichen Werken wie „Der Ehrliche ist der Dumme" auch ein unverzichtbares ethisches Regulativ deutscher Politik und Literatur. Ricou ist so etwas wie sein Doppelgänger: ein charmanter Filou, der trotz seiner Vorliebe für junge Frauen und alten Ziegenkäse seine moralischen und patriotischen Pflichten nie vergißt. Furchtlos und unbestechlich nimmt er die politische Prominenz ins Kreuzverhör, James-Bond- Schurken wie Sotto Calvi oder auch „un calva" zur Brust. Morgens studiert er bei Croissants und Café au lait „Figaro" und „Libé"; mittags plädiert er für die Kohabitation von Champagner und Digestif, nachts erregt Lyses Zeh seine erotische Phantasie. Zwischendurch hat er „ein bißchen gegoogelt“ und sich über das korsische Gesetz des Schweigens, die Hintergründe der Panamakanalaffäre und die Unterschiede zwischen CRS und DST informiert. So befeuert und unterrichtet, weiß der Richter alles über französische Korruptions-, Friedhofs- und Weinkultur, die skandalösen Praktiken von Ölfirmen, Escort-Agenturen oder der Bourgeoisie im Faubourg Saint-Honoré. Und er kennt die Gerüche und Gerüchte verschwiegener Bistros. Manchmal muß ein Aufklärer eben „den kleinen Plausch mit dem Wirt wichtiger nehmen als die Nachrichten aus der großen und der nicht so großen Welt".

Als weltläufiger homme des femmes jongliert der Richter mit vier Frauen und mindestens ebenso vielen Sprachen. „Joji ikola, ukamba ukola", der Löwe ist so stark wie die Freundschaft. Ricous Beziehung zu Amadée ist ein wenig abgekühlt; seiner Exfrau Jacqueline hat er das Attentat mit der Champagnerflasche immer noch nicht verziehen; die Journalistin Margaux fällt neben einem 81er Haut Brion deutlich ab. Anders Lyse, das Prachtweib aus Angola. „Sie sind kein Fernseher?" fragt die Wüstenkönigin einmal. „Nicht wirklich." Aber beiläufig erfährt man aus einem Plausch mit dem Teleprompter, daß Angola seinen Namen von Ngola ableitet, dem Titel der Herrscher im Mbundu-Königreich Ndongo. „Sie gluckste, als er sie halb ausgezogen hochnahm und in sein Schlafzimmer trug“. So gesellt sich zum „Oje, dreimal ojeojeoje" des Anchorman immer auch das frivolere oh, la, la des Frankreichkenners.

Ricou mag ein sympathischer Kindskopf sein, aber die Ernsthaftigkeit seines Aktenstudiums und seiner Verhörtechnik ist über jeden Zweifel erhaben. Wo der „Schrecken der Politiker" ermittelt, tun sich Abgründe von Landesverrat, Korruption, Geldwäsche und erpresserischen Sexvideos auf. Derbe Vokabeln wie Ballerei, Bullen, hoppnehmen und einbuchten gehören offenbar zum Argot französischer Politik; dafür sind kriminelle Energie und gesellschaftliche Fallhöhe ihrer Akteure deutlich höher. Was sind schon die schwarzen Käßchen von Helmut Kohl, Holger Pfahls oder Max Strauß gegen die Milliarden, die staatlich approbierte Waffenschieber in Paris halblegal kassieren oder hinterziehen? Selbst ein saarländischer Napoleon wirkt klein neben Maître Lafontaine, der „Bombe mit einer langen Lunte". So vergleicht Wickert mit impliziter Ironie und süffisanten Anspielungen wirkliche Skandale mit den stümperhaften Parallelaktionen diesseits des Rheins.

Häme wäre also unangebracht, zumal der Autor vor allem im Busch und auf den Minenfeldern Angolas zu Höchstform aufläuft. Ricous Dienstreise ins Herz der afrikanischen Finsternis kann sich, wenn nicht mit dem erklärten Vorbild Joseph Conrad, so doch jederzeit mit ähnlichen Abenteuern Kurt Wallanders und selbst Peter Scholl-Latours messen. „Die Wüstenkönigin" ist zwar, obwohl befeuchtet mit Strömen von Champagner, Wein und Digestif, naturgemäß manchmal ein wenig trocken, die Psychologie eher flach, der Schluß unbefriedigend. Alles in allem aber ist Wickert wieder ein bemerkenswerter Politthriller gelungen: gründlich recherchiert und unangestrengt erhellend, flott, streckenweise spannend geschrieben. Niemand im deutschen Krimisyndikat kann jedenfalls die Eigentümlichkeiten französischer Politik, Küche und Lebensart so elegant und undiplomatisch freimütig erklären wie der langjährige Käsebotschafter unseres Nachbarlandes.

F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main

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