Ulrich Wickert

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Ich sehe mich eher als Debütanten - 25.12.2005, Welt am Sonntag

Im Sommer nimmt Ulrich Wickert Abschied von den „Tagesthemen“. Mit dem Schriftsteller Thomas Brussig spricht er über seine Pläne und Privilegien.

Hamburg-Lokstedt, die Studios des NDR. Hier werden „Tagesschau" und „Tagesthemen" produziert, die erfolgreichsten Nachrichtensendungen Deutschlands. Wer zu Uli Wickert will, muß nicht nur die Hauptpforte passieren, sondern zusätzlich eine unsichtbare Schleuse. Dann ist man endlich drin. Der „Tagesthemen"-Moderator hat ein schönes, helles Büro im Erdgeschoß eines Neubaus. Gegenüber seinem Schreibtisch stehen vier Monitore. Auf einem sind als Standbild die Quoten des Vortages festgefroren, auf den anderen flackern aktuelle Fernsehbilder. In Wickerts Rücken steht ein vollgestopftes Bücherregal.

Thomas Brussig: Das sieht ja hier aus wie im Lesesaal einer öffentlichen Bibliothek. Lenken die vielen Bücher Sie nicht beim Arbeiten ab?

Ulrich Wickert: Nein, das sind meine wichtigsten Hilfsmittel. Wenn ich eine Moderation schreibe, gehe ich meistens von einem Kernwort des nachfolgenden Beitrags aus. Dann nehme ich meine Bücher, zum Beispiel den Brockhaus, und lese nach, was da zu diesem Wort steht. Und dann entwickelt sich aus diesem Wort ein Gedanke, der mir sonst vielleicht nicht gekommen wäre, aber der genau das Thema umfaßt. Also, das sind wichtige Anregungen.

Brussig: Oder (zeigt auf ein Fremdwörterbuch) man benutzt ein schön klingendes Fremdwort, daß die Leute dann nachschlagen können.

Wickert (lacht): Nein, das brauche ich, weil ich versuche, Fremdwörter zu vermeiden. Nehmen Sie das Wort Uno-Sanktionen. Das wird ja anderswo gern benutzt und doch ist es für viele Leute in der Alltagssprache nicht so selbstverständlich. Also sage ich lieber: Strafmaßnahmen. Da hat jeder gleich ein Bild vor Augen.

Brussig: Aber die Bibel und der Faust sind fürs Privatvergnügen.

Wickert: Nicht nur. Aus der Bibel kommen ja viele Begriffe, von denen wir im Sprachgebrauch gar nicht mehr wissen, daß sie von dort stammen. Und das gleiche gilt für den „Faust". Der ist ja auch ein Sammelband deutscher Redensarten. Und wenn man in einer Moderation so etwas aufnimmt, dann dreht man die Sache ein bißchen weiter. Dann erinnert man den Zuschauer daran, daß es nicht nur Fakten, sondern auch einen großen Hintergrund gibt.

Brussig: Sie streuen in Ihre Moderationen „Faust"-Zitate ein? Wird da nicht ihr Chefredakteur sauer und sagt: „Mensch, Herr Wickert, Sie versauen die Quote!"

Wickert: In den 14 Jahren, die ich die „Tagesthemen" moderiere, habe ich nie einen Hinweis bekommen, was ich sagen oder nicht sagen sollte. Das ist eine wunderbare Situation, die aber auch die Stärke der ARD zeigt. Und als Peter Stein zur Weltausstellung 2000 in Hannover den „Faust" in kompletter Länge aufführte und wir darüber einen Beitrag brachten, da hat mich tatsächlich der Hafer gestochen. Da habe ich versucht, für jede Moderation ein Zitat aus dem „Faust" zu finden, ob es nun um die Deutsche Bank ging oder sonstwas. Aber ohne es als Zitat zu kennzeichnen. Da haben natürlich manche Kollegen mit den Augen gerollt. Aber es hat funktioniert.

Brussig: Gab es auch Reaktionen von Zuschauern?

Wickert: Ja, fünf Zuschauer haben sich darauf gemeldet und sich gefreut. Das mag Ihnen wenig erscheinen, aber ich finde es viel.

Brussig: Fürchten Ihre Kollegen eigentlich solche Alleingänge? Man hat ja viel Macht. Man kann zum Beispiel den Namen eines Kommentators vom Bayrischen Rundfunk besonders deutlich aussprechen. So leicht distanziert.

Wickert (lacht): Ja ja, die sogenannte zweite Ebene. Da hat man viel Interpretationsspielraum. Zum Glück ist die „Tagesthemen"-Redaktion sehr selbstbewußt und weiß, daß ich manchmal zu ungewöhnlichen Dingen bereit bin, und sie macht dann auch mit. Einmal haben die Kollegen der Planungsredaktion auf den Kalender geschaut und auf das Programm nur geschrieben: Herbstanfang - Herr, es ist Zeit. Damit wollten sie mich wahrscheinlich testen. Denn so beginnt jenes wunderschöne Rilke-Gedicht über den Herbstanfang. Da habe ich gesagt, liebe Leute, wißt ihr, was wir heute machen. Ich rufe den Brandauer an, den kenne ich, der wird das Gedicht für uns lesen. Brandauer sitzt in Österreich an einem See und sagt, ja, das mache ich. Also haben wir ein Kamerateam von Wien aus hingeschickt. Brandauer zitiert das Gedicht wunderbar unter einem Laubbaum da am See sitzend, und wir haben die Sendung damit aufgehört. Am nächsten Tag in der Schaltkonferenz hieß es: Wie kann man nur, ein Gedicht in einer tagesaktuellen Sendung! Aber es kamen auch erstaunlich viele Anrufe von Zuschauern, die sagten: Das war aber schön, endlich mal wieder ein Gedicht. Und daß sie gleich am nächsten Tag danach im Buchladen gefragt hätten.

Brussig: „Faust", Rilke und neulich waren Sie in Elke Heidenreichs Sendung „Lesen" und haben Heinrich Mann vorgestellt. Da ahne ich ja schon, was Sie nach den „Tagesthemen" machen werden.

Wickert: Ja, was denn?

Brussig: Na, eine Literatursendung! Die würde doch der ARD gut zu Gesicht stehen.

Wickert: Sie bringen mich da auf eine phantastische Idee! Allerdings läge die Latte da schon sehr hoch. Ich weiß nicht, ob ich das könnte. Immerhin macht Elke Heidenreich das sehr gut - allerdings im ZDF. Da haben Sie recht, der ARD stände so etwas nicht schlecht. Vielleicht sollte man Frau Heidenreich abwerben?

Brussig: Gibt es konkrete Pläne?

Wickert: Nichts, was in trockenen Tüchern wäre. Ich weiß nur, ich werde weiter im Fernsehen arbeiten und weiter für die ARD. Wir unterhalten uns im Augenblick über sehr viele Projekte. Ich war jetzt gerade in New York, habe dort einen Tag gedreht und plötzlich gemerkt, wie schön es ist, wieder draußen bei den Menschen zu sein. Hier sitzt der Moderator immer im Studio, und wenn er mit Menschen zu tun hat, dann meist mit Politikern, zu denen man schaltet. Früher habe ich ja oft Dokumentationen gedreht. Ich erinnere mich, daß ich bei einer meiner spannendsten Geschichten selbst der Kameramann sein mußte, weil ich da nur allein hindurfte. Das war Tibet 1979...

Brussig: Da durften Sie hin? Die Chinesen lassen doch sonst dort keinen rein.

Wickert: Das war gar nicht so schwer. Mein Vater war damals als Diplomat in Peking und da hat er mich eingeladen, mit ihm nach Tibet zu fahren. Er hat die Chinesen gefragt, und die haben gesagt: Mit Familie, immer. Dann hat er gefragt: Darf mein Sohn auch eine Kamera mitbringen? Da haben die Chinesen kurz überlegt und dann gesagt: Na gut, der Sohn wird schon nichts machen, was dem Vater schadet.

Brussig: Welche Länder würden Sie heute reizen?

Wickert: Bhutan, da war ich noch nie. Aber es müssen nicht unbedingt Reisereportagen sein. Die machen ja andere verdiente Kollegen schon sehr gut. Ich kann mir auch vorstellen, richtig politische Themen zu bearbeiten. Oder interessante Menschen zu porträtieren.

Brussig: Auf Ihrer Website sind dafür zwei Beispiele angeführt, Porträts, die Sie vor vielen Jahren von Herbert Marcuse und Eugène Ionesco drehten. Welche außergewöhnlichen Menschen würden Sie heute gern befragen?

Wickert: Ich bin im Augenblick sehr fasziniert von Neo Rauch und seiner Art zu malen. Plötzlich ist Malerei wieder hochinteressant. Und nicht nur nach dem Motto, ich stelle einen Filzpantoffel irgendwohin oder eine leere Bierkiste und nenne das Konsumkritik. Zu Neo Rauch hat mal eine Dozentin für Kunstgeschichte gesagt: Ihre Bilder sind mir nicht gefährlich genug. Und er hat geantwortet: Stimmt, damit kann man sich nicht erschießen. Das ist ein schöner Satz. Ja, die Auseinandersetzung mit ihm wäre spannend.

Brussig: Sie sind also ein Fan der Neuen Leipziger Malschule. Dann war in der DDR also doch nicht alles schlecht...

Wickert: Zumindest haben die Künstler in Leipzig noch ordentlich malen gelernt. Also im handwerklichen Sinne. Daß man erst mal richtig lernt, eine Leinwand zu spannen, sie zu grundieren, welche Farben man wählt und welche Pinsel. Das ist sehr wichtig. Gutes Handwerk als Grundlage wird heutzutage leider oft unterschätzt. Das gilt auch für den Journalismus.

Brussig: Apropos Handwerk. In einem Metier sind wir beide ja Kollegen. Gerade ist Ihr zweiter Kriminalroman „Die Wüstenkönigin" erschienen.

Wickert: Das ehrt mich aber, daß Sie mich als Kollegen ansehen. Ich sehe mich eher als Debütanten. Aber den Traum, mal einen Krimi zu schreiben, den hatte ich schon immer. Nur habe ich mich lange nicht getraut. Ich habe mich dann in einem Sachbuch mit dem Titel „Vom Glück, ein Franzose zu sein" ein wenig selbst getestet, indem ich dort viele Geschichten anekdotisch und im Dialog erzählt habe. Und die Reaktionen, gerade auf die erzählerischen Passagen, waren so ermutigend, daß ich dann noch einen Schritt weitergegangen bin. Und das war gar nicht so schwer. Man muß erst einmal das gleiche machen wie als Journalist, man muß recherchieren.

Brussig: Die Leser lieben inzwischen Ihren Helden, den Untersuchungsrichter Jacques Ricou. Wird der bekennende Liebhaber junger Frauen und alten Ziegenkäses in Zukunft noch weitere Fälle lösen?

Wickert: Ja, ich denke über einen dritten Fall nach. Vielleicht wird mein Untersuchungsrichter aus Paris ja in die Leuna-Affäre hineingezogen. Beim Krimi haben Sie ja alle Freiheiten. Sie können einen Kanzler korrupt sein lassen...

Brussig: Ihr Untersuchungsrichter wohnt in Paris, Sie haben dort lange als Korrespondent gearbeitet und sich sehr wohl gefühlt. Wird diese Stadt Ihr Altersruhesitz?

Wickert: Ich finde es immer wieder anregend, den Wohnort zu wechseln. Wahrscheinlich weil ich eine Art Zigeuner bin. In Japan geboren, dann Deutschland, Frankreich, Amerika...

Brussig: Aber nur die Franzosen haben Sie zum Ritter der Ehrenlegion gemacht.

Wickert: Das stimmt, das spräche für Paris. Aber wir ziehen weder an die Seine noch nach Manhattan, sondern bleiben in Hamburg, weil meine Frau dort arbeitet.

Brussig: Was hat man eigentlich für Privilegien als Ehrenlegionär?

Wickert: Im Gefängnis bekäme ich eine Einzelzelle. Ich dürfte das Gefängnisessen zurückweisen und mir etwas aus einem Restaurant bestellen (lacht). Und ich habe auch freien Eintritt im Louvre.

Brussig: Fällt Ihnen der Abschied von den „Tagesthemen" schwer?

Wickert: Noch nicht. Es winkt ja die Freiheit. Am 31.August ist mein letzter Tag, und am 1.September steht schon Tom Buhrow im Moderationsplan.

Brussig: Ihr Nachfolger.

Wickert: Ja, über seine Wahl freue ich mich sehr. Er wird es ganz hervorragend machen. Die Zuschauer werden ihn mögen.

Matthias Ehlert

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