Ulrich Wickert

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In jedem von uns steckt ein Gauner

Ulrich Wickert über Flaschencontainer, verwahrlostes Großbürgertum und pünktliche Lehre.

Klaus Kroschke: Eine Frage zum Ihrem Buch „Gauner muss man Gauner nennen": Wo fängt ein Gauner denn an? Manche halten ja schon den Unternehmer für einen Gauner, dessen Gewinn stetig steigt.

Mit Gauner ist derjenige gemeint, der sich nicht an die Regeln der Gemeinschaft hält. Natürlich gibt es bei uns das Problem, das Geld häufig negativ angesehen wird. Interessant ist ja: Wenn ein Fußballer ein paar Millionen verdient, dann akzeptieren das alle. Wenn ein Unternehmer hunderttausend Euro verdient, dann unterstellen viele, dass er dieses Geld irgendjemandem weggenommen hat.

Ich spreche davon, dass man Gauner auch Gauner nennen muss, weil in jedem von uns ein Gauner steckt, der mal die Regel durchbricht. Das Wort Gauner steht für die, die etwas tun, das schadet.

Ein einfaches Beispiel: Ich werfe meine alten Flaschen in den normalen Müll und bringe sie nicht zum Flaschencontainer. Dafür werde ich nicht bestraft, es ist nicht im Sinn der Gesellschaft und der Umwelt. Wenn dann aber mein Nachbar zu mir sagt: „Die Flaschen gehören in den Flaschencontainer", würde ich mich spätestens beim dritten Mal schämen und denken: Ab sofort mache ich es korrekt.

Klaus Kroschke: Aber wichtig ist, dass der andere Sie überhaupt anspricht!

Genau. Das ist auch eine Frage des Tones – er muss ja nicht aggressiv sein.

Andreas Behr: Sie betonen mehrfach die goldene Regel: Was du nicht willst, das man dir tu, das füg’ auch keinem andern zu. Darf man vor diesem Hintergrund andere überhaupt als Gauner bezeichnen? Immerhin wertet man dabei sehr stark.

Ja, man muss werten. Man darf natürlich nicht denunzieren. Es geht darum, wie wir uns untereinander so verhalten, dass wir den anderen daran erinnern, die Regeln einzuhalten.

Wir leben in einer aufgeklärten Gesellschaft, in der es möglich sein muss, dass jeder Mensch seine individuellen Rechte ausleben kann. Aber er muss wissen, dass er auch gesellschaftliche Pflichten hat.

Andreas Behr: Wenn man Ihr Buch gelesen hat, könnte man sich doch eigentlich auch bequem zurücklehnen und sagen: Die anderen sind die Schlimmen – ich bin kein Gauner.

Nein, das kann man nicht. Es betrifft jeden Einzelnen. Wir dürfen es uns nicht einfach machen, indem wir sagen: Die da oben, die Politiker sind Schuld. Der Staat darf die Inhalte nicht vorgeben. Das ist das Schlimmste, was passieren kann, weil wir uns dann entmündigen. Nein, die Bürger müssen aktiv sein. Das geschieht zu selten. Viele wissen nicht, wie sie sich engagieren sollen. Aber man muss einfach in seine eigene Umwelt gucken.

Andreas Behr: Wie bringt man denn die Menschen dazu, Verantwortung wahrzunehmen? Es reden zum Beispiel alle über den Klimawandel, trotzdem fährt fast jeder Auto.

Es kommt darauf an, dass die Menschen, die Meinungsbildner sind, also zum Beispiel Unternehmer, herausragende Persönlichkeiten sind und das Tragen von Verantwortung fördern. Ich habe in vielen Eigentümer-geführten Unternehmen gesehen, dass es dort ein großes ethisches Engagement gibt. Die Unternehmer machen selber Vorgaben oder empfehlen Mitarbeitern, ein ehrenamtliches Engagement zu übernehmen. Sie treffen soziale Entscheidungen.

Andrea König: Was muss geschehen, damit sich junge Leute wieder für Politik und gesellschaftliche Aufgaben engagieren?

Ich habe den Eindruck, dass junge Leute sehr empfänglich sind für Engagement, wenn Sie den Eindruck haben, sie können etwas erreichen. Sie müssen spüren, dass sie respektiert werden. Das passiert häufig nicht in Deutschland, und das ist ein Fehler. Die Erwachsenenwelt muss den jungen Leuten klar machen: Ihr seid genauso klug. Ihr seid vielleicht sogar engagierter als viele Erwachsene. Und ihr wisst manchmal besser als die Erwachsenen, was für euch wichtig ist.

Klaus Kroschke: Sie sprechen in ihrem Buch viele Probleme an. Ich bin der Meinung, dass die meisten dieser Probleme zwei Ursachen haben: Schlechte Erziehung und mangelhafte Schulbildung. Ist es nicht so, dass wir vieles in Frage stellen müssen?

Ja. Nehmen wir zum Beispiel die Erziehung. Wir haben keine Erziehungsdisziplin, weil wir sagen: So etwas gab es im Dritten Reich.

Bei einer Lesung habe ich kürzlich gefragt: „Müssen wir nicht erst mal anfangen, Schülern Pünktlichkeit beizubringen?" Darauf kamen entsetzte Reaktionen aus dem Publikum: „Ach, so kleinkariert kann man doch nicht sein. Es geht doch darum, dass die Kinder glücklich sind."

Die Eltern müssen in der Erziehung unglaublich viel machen – und die Schulen auch. Deswegen ist es wichtig, Lehrern mehr Rechte zu geben. Sie müssen Schüler auch strafen dürfen.

Andrea König: An welche Strafen denken Sie dabei?

Ich nenne Ihnen ein Beispiel: Ich habe kürzlich mit einer Lehrerin gesprochen, an deren Hauptschule die Jugendlichen Pünktlichkeit lernen. Wer morgens nicht pünktlich kommt, muss am selben Tag eine Stunde nachsitzen. Das bedeutet, dass auch ein Lehrer länger bleiben muss – die engagieren sich also. Und das wirkt, es kommt dort keiner mehr zu spät.

Es gibt an vielen Schulen das Problem, das auch Lehrer unpünktlich sind. Aber gerade sie müssen vorbildhaft sein. Wir dürfen nicht nur über die vermeintlich schlimme Jugend schimpfen.

Zum Thema Vorbild habe ich noch ein anderes Beispiel: Ich sitze in Hamburg im Café. Am Nebentisch setzen sich sechs Leute. Sie haben einen fünfjährigen Jungen dabei. Die Mutter klappt einen tragbaren DVD-Player aus, legt einen Trickfilm ein. Das Kind will schon gar nichts essen, weil es nur den Film sehen will. Und die Erwachsenen freuen sich, dass das Kind ruhig gestellt ist. Das finde ich irre. Was sind denn das für Erwachsene? Dazu muss man sagen: sozial verwahrlostes Großbürgertum.

Es gibt noch ein weiteres Beispiel, das zeigt, wie absurd unsere Gesellschaft ist: Ein Sozialhilfeempfänger beantragt Geld für einen modischen Ranzen für sein Kind. Das Sozialamt lehnt das ab, aber ein Gericht spricht es ihm zu. Dass das Gericht so entscheidet, das ist schlimm.

Andrea König: Was lässt sich dagegen tun?

Wir müssen Klartext reden und die Begriffe neu definieren. Ich bin zum Beispiel der Meinung, dass der Begriff Solidarität inzwischen viel zu weit geht. Solidarität bedeutet: Man hilft demjenigen, der in Not ist. Derjenige hat einen Anspruch auf Hilfe. Aber Solidarität bedeutet auch, dass derjenige, der in Not ist, versuchen muss, aus eigener Kraft aus seiner Notlage herauszukommen. Und diesen Anspruch stellt keiner mehr. Das ist das Problem.

In der Mehrheit will der Wähler den Wohlfahrtsstaat und nicht den Leistungsstaat. Es ist heute so, dass mehr Menschen Geld empfangen als Geld einzahlen. So kann es nicht gehen, das ist absurd.

Ich komme viel in Deutschland herum und unterhalte mich sehr gern mit Bürgermeistern und Landräten. Denen stelle ich immer eine Frage: Was ist Ihr größtes Problem? Es kommt immer eine Antwort: "Das Anspruchsdenken der Leute."

Andrea König: Gibt es ein Land, das Deutschland sich als Vorbild nehmen könnte, um Probleme zu lösen?

Die Probleme, die wir haben, sind Probleme eines Wohlfahrtsstaates. Es gibt sie auch in anderen Ländern. In Einzelfällen kann man immer mal wieder gucken, wie es die anderen machen. Aber das eine Vorbild gibt es nicht.

15.05.2007 / Klaus Kroschke / Andreas Behr / Andrea König

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