Ulrich Wickert

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Ein Rundgang mit Ulrich Wickert - 16.08.2008, welt-online

Ein Rundgang mit Ulrich Wickert durch sein Paris. Sein neuer Krimi spielt hier. Und erzählt von den Verwicklungen um die Leuna-Affäre und den Geheimnissen der französischen Hauptstadt.

Kann man das noch sagen: ein Herr vom Scheitel bis zur Sohle? Gibt's das noch? Die Frage erledigt sich von selbst, wenn dann doch mal einer auftritt. Nicht die etwas geckenhafte Kavaliersmanier von Volksschullehrersöhnen, die sich im Taunus Palladio-Villen bauen, legt der gern als „Mr. Tagesthemen" firmierende Ulrich Wickert an den Tag. Er ist vielmehr ganz selbstverständlich ein Herr, ausgesucht in seiner Zuvorkommenheit gegenüber den Damen, leutselig aufgeschlossen gegenüber Vertretern des eigenen Geschlechts. Eine Spur zu höflich vielleicht für einen Deutschen. Aber so wird, wer lange unter Franzosen gelebt hat. Denn das tat Ulrich Wickert, den eine Fülle von Büchern - Sachtitel, jedoch seit neuestem auch Krimis - als einen vorzüglichen Frankreich-Kenner ausweist. Nicht zuletzt arbeitete er jahrelang als ARD-Korrespondent und dann auch Studioleiter in Paris.

Doch jene Vertrautheit mit einer Stadt und ihrem Rhythmus, mit einer anderen Kultur und deren Essenz, die Ulrich Wickert in seinen Büchern an den Tag legt (und die man beim gemeinsamen Schlendern durch Paris genauso spürt) - sie erwirbt sich nicht in langen Arbeitsaufenthalten. Etwas Elementares muss hinzukommen. Bei der Mehrzahl der Menschen ist es die Liebe, die erst das wirkliche Eintauchen in den fremden Kosmos möglich macht. Hier gilt natürlich: Der Kavalier genießt und schweigt. Wickert hingegen kann etwas nahezu ebenso Kostbares aufweisen: Eingebundensein in die französische Lebenswelt bereits als Jugendlicher. Schulbesuch an einem Pariser Gymnasium. Teilhabe als 14- bis 17-Jähriger, in jenen Jahren und an jenen Institutionen also, in denen man in Frankreich zum Franzosen geschmiedet wird. Ein unschätzbares Privileg! Denn das schafft ein Verständnis, wie der Erwachsene es nie erlangen wird. Ein Verständnis, das Wickert, beispielsweise in seinem Frankreichbuch „Die wunderbare Illusion", zu der klugen Einsicht kommen lässt: „Ein Franzose weiß sich eins mit seiner Geschichte und seiner Nation, in der er sich geborgen fühlt. Ganz anders als ein Deutscher, der sich stets auf der Suche nach seiner Geschichte, nach seiner eigenen Identität befindet." Oder auch: „Ja, sie zweifeln nicht selten, die Franzosen; sie zweifeln jedoch nicht an ihrer Identität."

Mit solchen und ähnlichen Bemerkungen reiht sich Wickert ein in die lange Reihe deutscher Frankreichbeobachter, die in unserem westlichen Nachbarland die ideale Ergänzung für deutsche Defizite erlebt haben, heißen sie nun Heine oder Tucholsky, Curtius oder Sieburg. Auch Defizite der nationalen Identität, gewiss, aber doch vor allem der Zivilität, des Lebensgenusses, dessen, was man eben nur französisch sagen kann: savoir vivre.

Und zu diesem Savoir vivre bekennt sich Wickert unumwunden, hellauf begeistert wie am ersten Tag. Wir sitzen, eine kleine Gruppe deutscher Verlagsleute und Journalisten, mit ihm im Paradezimmer, der chambre de la fresque, seines Lieblingshotels in Saint Germain. Er könnte längst auch im Plaza Athénée absteigen, aber nein, es ist das Hotel des Saints Pères in der gleichnamigen Straße, die mitten durchs Viertel der Verlage und Intellektuellen führt. Yasmina Réza, die geniale Stückeschreiberin und WELT-Literaturpreisträgerin, wohnt um die Ecke, desgleichen Marc Lévy, der geniale Schmonzettist. Patrick Süskind hingegen zieht das Hotel du Danube in der Rue Jacob vor, wo etwas weiter Richtung Rue de Buci Richard Wagner während seines ersten Parisaufenthaltes gewohnt hat. "Das ist meine Heimat in Paris, das sechste Arrondissement, Quartier der Existenzialisten und der Jazzkeller. Hier hatte ich meine erste Wohnung als junger Fernsehkorrespondent, und in diesem Hotel fühle ich mich immer noch am meisten zu Hause, nicht zuletzt, weil ich es hier so nah ins Café de Flore habe, wo ich in Paris am liebsten frühstücke."

Wer täte es Wickert da nicht gleich? Welcher deutsche Besucher stiege nicht am liebsten rund um den Boulevard St. Germain ab, wo die Mieten inzwischen höher liegen als in der Gegend um den Arc de Triomphe und wo die herrliche Musealität dieser Stadt sich am schönsten mischt mit ihrer jugendlichen Lebendigkeit, die sie auf ewig bewahren wird vor Erstarrung? Doch mit dem 6ème wird sich ein Pariskenner natürlich niemals begnügen, dafür ist es einfach nicht originell genug, es zu lieben.

Zeige mir dein Paris, und ich sage dir, wer du bist! Über Wickert erfährt man erst Spezifisches, wenn man sich mit ihm aufmacht in ein zweites, weniger touristisches Paris. Und dieses Paris verkörpert für ihn Belleville. Der ehemalige Arbeiterbezirk im Nordosten hat ja auch längst seine ganz eigene Folklore als „terre de révolte" und Geburtsort der Piaf und nicht zuletzt mit seinem riesigen Park, den Buttes Chaumont, von Napoleon III. geschaffen als „Tuileries du peuple". Doch nicht hierher, wo es auch schon schick geworden ist und wo sich kürzlich Jean Echenoz angesiedelt hat, führt uns Wickert. Sein Belleville ist das der Rue de Belleville und ihrer Nebenstraßen den Berg hinauf.

Hier befinden sich, dicht an dicht, eine Synagoge, chinesische Lebensmittelgeschäfte, Arabercafés und buntgewandete Schwarzafrikanerinnen, die ihre Kinderschar über die Straße schieben. Hier steht die Station, an der einst Louis Pasteur die ersten Gläser mit pasteuriesierter Milch an die Armen ausgab. Hier haben sich New Yorker Sprayer in die alten Atelierwohnungen einquartiert und hinterlassen auf Abbruchhalden und an freien Häuserwänden immer stärker ihre farbintensiven Spuren. Hier reiht sich ein asiatisches Lokal ans andere, so dass man gar nicht weiß, ob man nun thailändisch, vietnamesisch oder nach Art des Landes Laos essen soll.

Und hier muss man nun Wickert erleben, wie er ganz Auge, ganz Ohr, immens neugierig und dabei doch nach wie vor jeder Zoll ein Herr durch dieses Belleville flaniert und auch ein bisschen stakst. Jede architektonische Merkwürdigkeit, jede bemalte Wand an der Place Fréhel, aber auch jedes Plakat, jeder Handzettel an einer Straßenlaterne, selbst noch die Hütchenspieler an der Métrostation Jaurès finden seine Aufmerksamkeit. Am liebsten würde er sich in die pittoresk versiffte „Bar aux Folies" mit ihrem wunderbar heruntergekommenen Art Déco setzen und einfach nur schauen, was sich auf der Straße abspielt. Kaum an der Theke angelangt, „debout devant le zinc", wie es bei Jacques Prévert heißt, lässt er sich schon von einem kunstvoll zerzausten Spraykünstler in ein Gespräch verwickeln und lauscht mit vor ehrlichem Erstaunen aufgerissenen Augen einer kruden Räuberpistole von einer Schlägerei vor dem Hotel de Ville. Man spürt hier bei dem hochbeinigen Schlacks, der am Ende der „Tagesthemen" mit halbgesenkten Lidern so unnachahmlich angeekelt „Das Wetter" sagen konnte, eine echte und aufrichtige Freude an der Vielfalt der Welt, die wirklich etwas Mitreißendes hat.

Mitreißend in seiner Leidenschaft, die Topographie von Paris in einen Krimi einzubringen, gerät auch die Lektüre von Wickerts neuem Buch. Allein die pariserischen Details werden den Kenner entzücken, denn „Der nützliche Freund" spielt nicht nur in Saint Germain und Belleville (natürlich!) oder rund ums Palais de Justice herum, wo der Held des Romans, der unbestechliche Richter Jacques Ricou, arbeitet und seinen nunmehr auch schon dritten Fall zu lösen hat. Nein, da echot auch manch letzter Schrei aus den Seiten, wenn beispielsweise gutsituierte Juristen-Gattinnen sich einem Club von Schokoladenliebhabern anschließen, die „nur noch handgemachte Schokolade, auf denen das japanische Schriftzeichen für „langes Leben“ als Goldplättchen aufgetragen ist", verzehren. Schon nicht mehr ganz so up to date sind allerdings die Parfums von Serge Lutens, die im „Nützlichen Freund" eine auch kriminalistisch indizierende Geruchsspur hinterlassen haben, seit man die kleinen Flachgefässe für den Unisex-Gebrauch nicht mehr nur im Stammgeschäft unter den Arkaden des Palais Royale bekommt, sondern sogar im proletarisierten Berlin (bei Lafayette und im KaDeWe).

Vor allem aber spürt man in diesem Krimi, dass der Autor nach wie vor ein political animal ist und in dieser Hinsicht nun tatsächlich auf dem neuesten Stand. So handelt es sich beim „Nützlichen Freund" wohl um das erste belletristische Werk aus deutscher Feder, in dem die Stimmung unter Sarkozy subtil eingefangen ist, die Stimmung unter einem Präsidenten also, der, soviel er auch schon bewegt haben mag, die „France profonde" nicht kennt, wie Wickert im Gespräch betont, bei dem er sich übrigens mindestens so engagiert gibt wie bei den Unterhaltungen über seine Pariser Lieblingsrestaurants.

Im Kern handelt aber dieses Buch von einem der größten Wirtschaftsskandale der vergangenen zwei Jahrzehnte und zwar um die Schmiergelder, die da flossen beim Verkauf der Leuna-Werke an Elf-Acquitaine (heute France-Oil) und also auch von den deutsch-französischen Beziehungen in der Wende- und Nachwende-Zeit, bei denen noch viel im Dunklen liegt. Diesbezüglich hält Wickert manches interessantes Detail bereit, das hier jedoch natürlich nicht verraten werden soll. Nur soviel sei gesagt: die eigentlichen Schurken sitzen offenbar in der Schweiz. Und: die Geschichte der Ära Kohl wird wohl nicht umgeschrieben werden müssen.

Nicht zuletzt hat dieser geschickt gebaute, spannend erzählte, mit Insider-Informationen dichtgespickte Roman das große Verdienst, dem Leser ein Frankreich zu präsentieren, das wieder richtig sexy ist - im wörtlichen wie im übertragenen Sinne. Mehr kann man für die etwas lendenlahm gewordene deutsch-französische Freundschaft eigentlich nicht tun.

Text: Welt-Online, 16.08.2008 / Jörg Thomann

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