Ulrich Wickert

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Schluss mit geruhsam - 16.10.2008, FAZ

Wenn eine aus dem Fernsehen bekannte Person ein Sachbuch schreibt, scheuen sich in der Regel weder Autor noch Verlag, die televisionäre Popularität gewinnbringend einzusetzen. Je nach Thema freundlich lächelnd oder nachdenklich-ernst, blickt dann das Fernsehgesicht vom Umschlag den potentiellen Käufer an, der weiß, wen er vor sich und was er zu erwarten hat: Der Mensch ist die Message.

Anders liegen die Dinge, wenn sich ein Fernsehschaffender als Romancier versucht. In so einem Fall legt der Debütant meist großen Wert darauf, nicht mit der eigenen Bildschirmpersönlichkeit verwechselt zu werden - getrieben von der nicht ganz unbegründeten Befürchtung, literarisch sonst nicht ernst genommen zu werden. Ulrich Wickert, populärer Fernsehjournalist, Sachbuchautor, Kosmopolit und Moralist, hat auch diese Hürde locker überwunden. Sein erster Kriminalroman ist vor fünf Jahren mit stirnrunzelnder Überraschung, aber dann eben doch mit Wohlwollen aufgenommen worden. Also ließ Wickert seinen „Richter aus Paris", den Untersuchungsrichter Jacques Ricou, weiterermitteln. Nach der „Wüstenkönigin" aus dem vergangenen Jahr folgt nun bereits der dritte Roman.

Dessen Titelheld, der „nützliche Freund", ist der deutsche Gewährsmann des Agenten Marc Leroc, einer fiktiven Schlüsselfigur beim realen Korruptionsskandal um den französischen Ölkonzern Elf Aquitaine, der Anfang der neunziger Jahre die Raffinerie im sachsen-anhaltinischen Leuna kaufte; lange hielt sich damals der Verdacht, es seien dabei Gelder an deutsche Politiker geflossen. Die Affäre, die Frankreich gewaltig erschüttert hat, scheint in Deutschland weitgehend vergessen - wohl auch deshalb, weil letztlich kein hiesiger Politiker, sondern einzig der Lobbyist Dieter Holzer verurteilt wurde. Wickert entreißt die Elf-Affäre nun den Archiven. Sie gibt den Rahmen ab für ein französisch-deutsches Unsittengemälde. Kurz nach seiner Ankündigung, die Hintermänner des Skandals auffliegen zu lassen, stürzt Leroc in den Tod. Richter Ricou ermittelt in diesem Fall, in dem es neben Mord um Korruption, Entführung, Erpressung, Geldwäsche sowie den Vorwurf einer versuchten Vergewaltigung geht, dem sich der Richter persönlich ausgesetzt sieht.

Den Oberschurken aber - es sind, da ist Wickert ganz am Puls der Zeit, Bankiers - geht es vor allem um die Wurst. Präziser: um die Schweizer Cervela, deren Qualität wegen eines Einfuhrverbots für brasilianische Rinderdärme bedroht ist. In die Lösung des Wurstproblems investieren die Genfer Großganoven noch mehr Zeit als in die Beseitigung ihrer Widersacher und unnütz gewordenen Lakaien. Savoir vivre und töten lassen: Bei Wickert erweisen sich auch Mordbuben als Lebemänner. Für sein Alter Ego, den Genussmenschen Ricou, gilt das ohnehin: So vertrackt kann dessen Lage gar nicht sein, als dass er nicht Zeit fände für einen guten Tropfen, eine schöne Frau oder einen detailreichen Exkurs über reizvolle Ecken des von Wickert heißgeliebten Paris. Passagenweise wirken die Protagonisten wie Reiseleiter, die durch den eigenen Roman führen. Neben der so farbig beschriebenen Stadt bleiben manche der Figuren recht schemenhaft.

Gänzlich gescheitert sind wir beim Versuch, uns bei der Lektüre den Fernseh-Wickert wegzudenken. Der freilich scheint am Versteckspiel nur mäßig interessiert. Wer nicht wüsste, wer der Autor ist, der bekäme Seite für Seite Indizien geliefert, die rasch ein genaues Phantombild ergäben: frankophiler Feingeist und Politjournalist alter Schule, mit einem wachen Auge für die Tagesaktualität. Madame Bruni-Sarkozy findet ebenso Erwähnung wie Tokio Hotel, die junge Franzosen fürs deutsche Liedgut gewonnen haben. Verschlüsselt als „Anid Bard" kommt Frankreichs Justizministerin daher, die Ricou „zum Kotzen" findet und Wickert womöglich auch. „Anid“ bedeutet im Arabischen „halsstarrig“, und „bard„ heißt ,„kalt“, spottet der Autor. Ließe man den wahren Namen der Dame sprechen, er teilte weit Erfreulicheres mit: Rachida, wie die Ministerin Dati mit Vornamen heißt, bedeutet rechtschaffen.

Über die Jahre, so stellen wir es uns vor, hat der aufmerksame Journalist Wickert spannende und kuriose Meldungen, Anekdoten und historische Fundstücke in einem Zettelkasten gesammelt, um sie dereinst literarisch zu verwerten. Für einen ordentlichen Spannungsbogen jedoch sind es irgendwann der Abschweifungen zu viele, zumal bei so komplizierter Materie wie der Wirtschaftskriminalität. Dass der Autor viel weiß und uns daran teilhaben lässt, ist nicht unproblematisch im Genre des Kriminalromans, der üblicherweise umso stärker bannt, je weniger die Leser wissen. Und sosehr Wickerts Kenntnisreichtum beeindruckt, so eigenartig wirkt es, wenn ein Verbrecher nach vollbrachter Missetat beim Blick aus dem Fenster darüber sinniert, wie Jacques Garnerin hier am 22. Oktober 1797 mit einem selbstkonstruierten Fallschirm absprang.

Was Wickert uns am Ende jeder „Tagesthemen"-Ausgabe wünschte, mit seinem neuen Roman löst er es ein: Er beschert uns einen angenehmen Abend und eine geruhsame Nacht. Etwas Schlaflosigkeit aber hätte der Krimi uns durchaus bereiten dürfen.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.10.2008, Nr. 242 / Seite 34 / Jörg Thomann

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