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Herr Ex-Tagesschau Ulrich Wickert sagt seine Meinung

Serie: Kleine kommentierte Zeitungsumschau in den „Sprachnachrichten“ und „Deutsche Sprachwelt“ (Teil 2/3)

Frankfurt am Main (Weltexpress) - Die Sprachnachrichten bringen in jeder Ausgabe ein Interview mit einem bekannten Zeitgenossen, der deutliche Worte zum Zustand der deutschen Sprache und dessen Ursachen findet. Verständlich, daß Ulrich Wickert, durch seine Sprechertätigkeit in der Tagesschau und Buchautor eine der bekannten Persönlichkeiten der Bundesrepublik Deutschland mit einem berühmten und geachteten Vater dazu, in diesem Zusammenhang nach dem Zustand der Medien befragt wird, die er für ausgesprochen nachlässig hält. „Mir tut es regelrecht weh, wenn ich heute einen Tagesthemenbericht sehe, in dem der Autor auf richtige Sätze verzichtet, das Verb einfach vergißt und nur noch Substantive zwischen Punkte streut. Das ist geistige Faulheit, aber eine Faulheit, die der Autor gar nicht bemerkt, denn er wird dafür nicht kritisiert.“ Ursache für derartigen öffentlich vorgeführten und öffentlich sanktionierten Sprachverfall sieht er auch im sogenannten „Agentur-Deutsch“, denn längst haben diese auch bei Zeitungen deren eigenständige Korrespondenten in anderen Ländern verdrängt, weil sie billigere Agenturberichte anbieten, die gerade, damit sie von vielen abgedruckt werden, verkürztes Deutsch bringen, was unschön ist, darüber hinaus auch verkürzte Inhalte, was oft fahrlässig ist.

Interessant auch der Aspekt der Euphemismen im öffentlichen Sprachgebrauch, der ja schleichend vor sich geht und vernebeln oder sogar aushebeln will, daß es im Leben auch bedrohliche und gefährliche Dinge gibt, so „einschlafen statt sterben; freisetzen statt in die Arbeitslosigkeit entlassen“ oder, warum und wann jemand im Fernsehen als Freiheitskämpfer oder Rebell oder Aufständischer bezeichnet wird, oft völlig willkürlich, was sofort alle anderen Medien fortsetzen. Ulrich Wickert erläutert „Begin war je nach Sichtweise Terrorist oder Aufständischer, doch als er Politiker, ja sogar Premierminister war, da hätte ihn keiner mehr einen Terroristen genannt, höchstens einen Freiheitskämpfer…Auch in Deutschland haben wir noch nicht gemerkt, daß wir ‚Newspeak’ sprechen, wie es George Orwell in seinem Roman 1984 darstellt.“

Das kann man nun als Dummdeutsch bezeichnen und sollte es auch, aber damit schafft man die Verluderung und die Anglizierung der Deutschen Sprache nicht aus der Welt. Was also kann man tun? Die Leute direkt persönlich darauf ansprechen, ist eine geeignete Methode, sich deren Unwillen für längere Zeit oder auf immer zuzuziehen. Um sie öffentlich darauf hinzuweisen, bedarf es einer geeigneten Situation, denn das kann oft nach hinten losgehen. Zwischenrufe sind nicht schlecht, aber dazu muß man eine laute und wohltönende Stimme haben. Es ist einfach das Sinnvollste, daß die Leute, die öffentlich gehört werden, sich um ein gutes Deutsch bemühen und immer wieder sich auch lustig machten über das Dummdeutsch. So wären Kabarettistensendungen äußert geeignet, die Gernegroße des anglisierten Deutschs so lächerlich zu machen, wie sie sind. Aber auch Beamtendeutsch bleibt eine Quelle von Unmut. Vor allem dann, wenn ‚sachneutrale’ Ausdrücke bevorzugt werden, die Sachverhalte sachlich und technisch klingen lassen, wo Menschen betroffen sind.

Ulrich Wickert bringt in seinem Beitrag auch dafür ein Beispiel. Althergebracht ist das Staatsbürgerrecht in Deutschland nach dem „ius sanguinis“ geregelt, was heißt, wer von deutschen Eltern abstammt, ist Deutscher. Als Otto Schily dies für die Regierung 1999 ändern wollte, nannte Wickert das im Fernsehen Blutrecht, was dem Sender Ärger einbrachte, den er jedoch vor dem Sprecher geheimhielt. Wickert betont, wie wichtig ihm seit jeher war, daß die zuhörenden Menschen verstehen, um was es geht, welche emotionalen Anteile in den Wörtern enthalten sind. Eines seiner Beispiele ist uns so wichtig, daß wir zitieren wollen: „Auch der Begriff Holocaust kam in meinen Moderationen nicht vor. Oder gar Shoa. Beide Worte sind über Filmtitel nach Deutschland gelangt: Holocaust über die gleichnamige Serie, die Ende der siebziger Jahre gesendet wurde. Deren Ausstrahlung durch die ARD war heftig umstritten.“, aber der Begriff, der aus dem Griechischen stammt und Brandopfer bedeutet, bürgerte sich ein.

„Ähnlich ging es dem Wort ‚Shoa’, so nannte Claude Lanzmann seinen bedrückenden, aber einmaligen Dokumentarfilm über die Judenverfolgung. ‚Shoa’ , das ist hebräisch für Unheil.“ Wickert beschreibt nun, wie er in seinen Moderationen auf Deutsch von der Vernichtung der Juden sprach, was ihm rechtsradikalen Ärger einbrachte, weil nur im Deutschen die emotionale Aussage sich mit der sachlichen verbindet. „Von der ‚Vernichtung der Juden’ zu hören, schmerzt mehr als vom ‚Holocaust’ oder von ‚Shoa’. Das soll es aber auch.“ Wir sprechen oft noch deutlicher vom Judenmord und werden öfter einmal von Wohlmeinenden verbessert in ‚Holocaust’. Eben weil das so gefühlsarm ist, dieses Wort, das einem Sachverhalt gilt, der Menschen umbrachte. Für diesen Vorgang der Versachlichung menschlicher Zustände gibt es viele Beispiele. Da wünscht man sich oft einen Luther, der dem Deutschen eine Reihe kerniger Sprüche und auch sinnreicher Wörter auf den Weg gab.

Was Luther zum neudeutschen ‚Prekariat’ gesagt hätte, kann man sich gut vorstellen. Aber den Geruch am herkömmliche Begriff der ‚Unterschicht’ wollte man nicht mehr. Hergehört. Nicht die soziale Situation, daß eine Menge Menschen, darunter vor allem viele viele Kinder keine Bildungschancen, keine Erwerbchancen und damit auch keine Chancen in einer demokratischen Gesellschaft einen angemessenen Platz zu finden, wollte man nicht mehr und tat alles politisch Menschenmögliche für die Abschaffung solcher Verhältnisse, nein, das Wort wollte man nicht mehr und änderte es. „Damit scheint das soziale Problem gelöst. ‚Unterschicht’ tut weh – als Wort. ‚Prekariat’ versteht die Masse nicht – und vergißt damit das gesellschaftliche Problem.“, sagt dazu Ulrich Wickert deutlich. Nach diesem Artikel wünscht man sich häufiger Texte aus der Feder des Ex-Tagesschausprechers, der vormacht: „Klartext reden aber bedeutet: ein Problem beim Namen nennen.“

Quelle: Sprachnachrichten Mai 2009, hrsg. vom Verein deutsche Sprache (VDS)

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