Ulrich Wickert

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Die Wirklichkeit ist häufig viel absurder - 24.08.2010, shz.de

Auch wenn er den Platz des Nachrichtenmoderators vor mittlerweile vier Jahren abgegeben hat: Mit dem Namen Ulrich Wickert dürften viele Deutsche noch immer die "Tagesthemen" der ARD verbinden. Doch der 67-Jährige ist nicht nur Journalist, sondern auch Krimi-Autor. Am Donnerstag liest er beim Kampener Literatursommer aus seinem neuen Buch "Das achte Paradies".

Vor wenigen Tagen wurde der neue Fall des Pariser Untersuchungsrichters Jacques Ricou veröffentlicht. Verfolgen Sie den Werdegang Ihres Buches auf dem Markt?

Das Komische ist, dass man zu seinem Buch einen großen Abstand bekommt in dem Moment, in dem man es abgeliefert hat. Ich sage immer, es ist wie eine Geburt: Da hat man Monate geschrieben und dann ist es weg. Bei manchen Leuten kommt dann die postnatale Depression, aber nicht bei mir. Das Buch ist in den Händen des Verlages, und wenn es erscheint, ist man im Kopf schon ein Stück weit weg davon. Man sieht es als ein Objekt, von dem man sagt: Ach, schöner Umschlag. Aber es ist abgenabelt. Obwohl man natürlich hofft, dass die Leute, die das Buch lesen, sagen: toll, spannend, das ist unglaublich!

Heißt das, Sie sind gedanklich schon beim nächsten Buch?

Ich habe viele Ideen, muss aber immer sehen, was als nächstes passt. Ich werde ein Sachbuch schreiben, das steht fest. Ich schreibe immer nur dann ein Buch über ein Thema, wenn es mich interessiert und ich das Gefühl habe, ich muss mich damit befassen. Bei Krimis ist das anders. Natürlich muss ich ein Interesse am Schreiben haben, aber ich amüsiere beim Schreiben von Krimis.

In "Das achte Paradies" fällt auf, dass manche Figur oder Schlagworte, zum Beispiel Nicolas Sarkozy oder Georgien, vor nicht allzu langer Zeit durch die Medien gingen. Hat die aktuelle Berichterstattung so einen großen Einfluss auf Ihr Schreiben?

Völlig richtig. Wenn ich Krimis schreibe, bin ich immer noch Journalist. Und die Wirklichkeit ist häufig sehr viel absurder als das, was Leute erfinden. Allein die aktuelle Geschichte um die Besitzerin von L’Oréal, Madame Bettencourt, und was im Umfeld dieser Millardärin passiert ist. Man würde sich gar nicht trauen, zu erfinden, dass ein Typ ihr fast eine Milliarde abschwatzt. In "Das achte Paradies" steht die Hauptfigur, der Untersuchungsrichter, unter großem Druck des französischen Präsidenten, der nicht will, dass Ricou weiter recherchiert und deshalb versucht, den Richter zu erpressen. Wenn Sie sich die Geschichte Bettencourt ansehen, stellen Sie fest: Der französische Präsident versucht mit aller Macht zu verhindern, dass diese in die Hände eines französischen Untersuchungsrichters fällt. Die Wirklichkeit ist fast noch dramatischer als das, was bei mir passiert.

Wäre ein unabhängiger Untersuchungsrichter auch in Deutschland sinnvoll?

Ich finde ihn hervorragend. Obwohl in Deutschland die Lage anders ist. Ich glaube, es ist schwer möglich, dass ein Kanzler oder Ministerpräsident versucht, direkt bei einem Staatsanwalt Einfluss zu nehmen. Aber es wird auf Wirtschaftsermittler Druck ausgeübt, ich weiß das aus Gesprächen mit deutschen Kommissaren. Insofern ist die Form des Untersuchungsrichters, wie er in Paris ist, etwas besonderes, denn er ist völlig unabhängig.

Wie viel Ulrich Wickert steckt in der Figur Jacques Ricou?

Ich verbringe sehr viel Zeit mit ihm, deswegen schildere ich ihn sehr sympathisch. Er könnte mein Freund sein, und das Merkwürdige ist: er hat einige Eigenschaften, die auch ich habe. Da er mein Freund ist, macht er auch einige Dinge, die ich mache, zum Beispiel abends einen Whiskey trinken oder morgens im Bistro sitzen und einen Café Creme trinken, dazu das Croissant essen und die Zeitung lesen.

Ist "Das achte Paradies" auch eine Liebeserklärung an Frankreich? Immerhin sind Sie sehr genau im Benennen der Pariser Straßen und geben Ihren Figuren die französischsten aller Namen.

Ja, man kann aus dem Krimi, der im französischen Leben spielt, herauslesen, dass mir dieses französische Leben ganz gut gefällt.

Und wie gefällt Ihnen Sylt?

Ich bin gern auf Sylt, auch wegen des herrlichen Klimas. Es ist eine wunderbare Insel, die einen ganz besonderen Charme hat, auch wenn es kühl und neblig ist. Es ist eine Ganzjahresinsel für mich. Es ist so, dass ich Sylt im Herbst, im Winter und im Frühjahr mag, gar nicht so sehr im Sommer, denn dann ist es halt sehr voll.

Aber für den Kampener Literatursommer machen Sie eine Ausnahme.

Ich bin vor drei Jahren schon einmal da gewesen und finde das eine wunderbare Veranstaltung. Ich bin begeistert von dem Publikum, von dem man merkt, dass es wirklich Lust hat an Büchern. Und das Schöne ist: Wenn man Donnerstag liest, verbringt man natürlich gleich noch das Wochenende auf der Insel.

Sie sagen von sich, dass Sie auf Reisen gern die lokal typischen Speisen probieren. Auf welche Genüsse freuen Sie sich auf Sylt?

Ich muss natürlich Austern essen. Und die Currywurst bei Herbert Seckler.

Lesung: Donnerstag, 26. August, 20.30 Uhr, im Kaamp-Hüs, Kampen. Karten für 15 Euro an allen Vorverkaufsstellen und für 17 Euro an der Abendkasse. Signierstunde: Donnerstag, 17 Uhr, im Buchhaus Voss, Westerland.

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