Ulrich Wickert

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Verbrechen à la mode - 28.08.2010, Die Welt

In seinem neuen Krimi bewährt sich Ulrich Wickert als Spezialist für alles Angesagte.

Und heute Mittag war Bill Clinton hier." Madame sagt es nebenbei, fast könnte man sagen: wegwerfend. Sie ist es schließlich auch gewohnt, dass die Größen dieser Welt ein- und ausgehen in ihrem mit schönem Understatement als "Petite Maison" (kleines Haus) bezeichnetem Restaurant. Madame, das meint Nicole Rubi, die alle nur Nicole nennen. Und die "Petite Maison", das ist das angesagteste Lokal, das sich im Augenblick in Nizza finden lässt. Eines dieser geschmackvoll eingerichteten und geführten Lokale, wie es sie oft in mediterranen Breiten gibt: mit einer Küche, die von den einfachen, jedoch aus besten Zutaten bereiteten Gerichten lebt ("loup de mer comme on l'aime" heißt hübsch lakonisch unser Hauptgericht, also: "Seeteufel, wie wir ihn lieben") - und mit einer Dekoration, die in raffinierter Weise auf elementar gestylt ist (Schlammfarben, Weiß, dazu viel Silber).

Heute Mittag also hat Bill Clinton hier gespeist. Gern kommen auch Bono, Mick Jagger, Elton John und David Beckham mit seiner Angetrauten her sowie, so gut wie täglich, der Präfekt der Region oder auch der Bürgermeister. Und dann natürlich: Ulrich Wickert. Er, der inzwischen in den Bergen von Nizza Hauseigentümer ist, hat selbstredend seinen Stammplatz hier. Und zwar drinnen, wo "die ordentlichen Leute" sitzen, wie er gleich betont, als wir uns über die weit in Nizzas Nobelmeile rue Saint-François-de-Paule hineinragende Terrasse vorarbeiten. Der Fernsehmann und Autor schreitet lässig vorneweg und würdigt die Outdoor-Gäste keines Blickes, denn als Wahlfranzose weiß er: Nur wer drinnen sitzt, auf den kommt's an.

Ja, Ulrich Wickert weiß Bescheid. Immer mehr entwickelt sich der ehemalige "Mr. Tagesthemen", der uns mit einer großen Anzahl von Sachbüchern erst erklärt hat, wie Frankreich funktioniert ("Die wunderbare Illusion"), aber auch, was so in unserer Gesellschaft schiefläuft ("Der Ehrliche ist der Dumme"), immer mehr also entwickelt dieser Mann, der sich nun aufs Krimischreiben verlegt, zum Experten für das Trendige. Wo "man" in welcher Stadt isst, trinkt, sein Haupt bettet, das kann man ihn ohnedies fragen oder seinen diversen Büchern schnell entnehmen. Das versteht sich bei einem Weltenbummler, der schon von Berufs wegen in vielen Metropolen dieser Welt zu Hause war, fast von selbst. Doch Wickerts Expertisen gehen über das Niveau von Genuss-Tourismus weit hinaus. Er nimmt die Art, wie eine Stadt sich in ihren gastronomischen Spitzen-Etablissements präsentiert, auch immer als soziales und politisches Barometer. Denn was ihn vor allem interessiert und was bis hin zum Plot und Setting seine Krimis bestimmt, das ist die Analyse des gesellschaftlichen Mikrokosmos', in dem seine Bücher angesiedelt sind. Mit allen seinen Auffälligkeiten, aber auch mit seinen eher verschwiegenen Eigenschaften.

So war denn der erste Ort, an den er mich in Nizza geführt hat, keineswegs die Luxustaverne von Nicole. Der erste Ort war vielmehr die russisch-orthodoxe Kirche, genauer: Kathedrale. "Man spricht ja immer von den Engländern, die Nizza und die Cote d'Azur entdeckt haben", erklärt mir Ulrich Wickert, als wir in dem kunterbunten, goldstrotzenden Gotteshaus stehen, das 1912, nicht ohne Anklänge an den Jugendstil, aber insgesamt doch im orthodoxen Stil, errichtet wurde. "Aber die Russen haben länger und kontinuierlicher diese Stadt geprägt, die vor allem nach der Revolution zur Hochburg der Emigranten wurde." Selbstbewusst ist die russische Gemeinde in Nizza noch immer, und im Moment befindet sie sich in einem Rechtstreit mit dem Putin-Staat, dem sie den Zugriff auf die hiesigen Immobilien entwinden will.

Dieser Sachverhalt ist auch in seinen neuen Krimi beiläufig elegant hineinverwoben, den vierten übrigens mit dem "unerbittlichen Richter" Jacques Ricou aus Paris als Mittelpunktsfigur. Natürlich spielt die Haupthandlung wieder überwiegend in der französischen Hauptstadt - und auch nach Berlin führt abermals ein Strang. Aber das Verbrechensumfeld weist eben doch dann irgendwann nach Nizza. Und das Verbrechensumfeld, das ist dieses Mal Internetspionage, Geldwäsche im ganz großen Stil, wie sie offensichtlich heutzutage am geschicktesten von der russischen, auch von der georgischen Mafia betrieben werden. Wieder hat Wickert also ein "Verbrechen à la mode" am Wickel. So verhielt es sich schon mit den anderen "Ricous". Beim letzten ("Der nützliche Freund") handelte es sich um politische Korruption und Wirtschaftskriminalität. Da konnten vor allem die Emporkömmlinge von heute als Romanfiguren aufmarschieren. In seinem neuen Buch jedoch dominiert ein anderer Typus. Der besteht aus Männern, die sich im Tschetschenienkrieg eine geradezu offensive und auch bereits durch hochgerüstete Körperlichkeit sofort erkennbare Grausamkeit angeeignet haben, deren Gruseleffekt beträchtlich, aber auch in gewisser Weise ambivalent ist. Nicht umsonst liebäugelt die Freundin von Richter Jacques Ricou, übrigens eine Journalistin, die auch familiär ein Opfer der russischen Machenschaften zu beklagen hat, mit einer der virilen Testosteronbomben, die hier ihr undurchsichtiges Spiel spielen, bei dem ein großer Boss im Hintergrund die Fäden zieht.
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Und dieser Boss, soviel sei immerhin verraten, residiert in einer jener riesigen Villen von Cap Ferrat, unweit von Nizza, die man übrigens sehr schön bestaunen kann, wenn man vor einem Sundowner am Hafen von Villefranche sitzt, was wir denn auch an diesem Nizza-Sommertag tun, schon um des großen Showdowns wegen, mit dem Wickerts neuer Krimi "Das achte Paradies" seinen Höhe- und Endpunkt erlebt. Aber wir wollen oder besser: dürfen nicht zuviel verraten, und deshalb betreiben wir an dieser Stelle lieber noch mal ein bisschen Stadtgeschichte.

Zu Nizza muss man natürlich auch wissen, dass es bis 1860 italienisch war. Das spürt auch der flüchtigste Besucher hier auf Schritt und Tritt. Die gelben Hausfassaden, die, je nach dem Stand Sonne, in Aprikosentönen, aber auch in solchen von Karamell zu schimmern beginnen, dazu die hölzernen Fensterläden, schließlich die Tatsache, dass die voluminöse Gedenktafel für Paganini in der rue de la Préfecture, der hier gestorben ist, auf Italienisch abgefasst ist - das alles macht eindringlich klar, dass die Franzosen noch nicht lang die Geschicke dieser Stadt bestimmen.

Und bestimmen sie dieselben denn wirklich heute ganz und gar? Wenn man "Das achte Paradies" so auf sich wirken lässt, kann einen schon der Verdacht beschleichen, dass die Verhältnisse doch bisweilen sehr denen in Süditalien gleichen - und prompt stellt sich dann auch bei der Lektüre heraus, dass der bereits erwähnte ganz große Bruder, der sich so diskret im Hintergrund der Krimihandlung hält, sein zweifelhaftes Handwerk bei der napoletanischen Camorra gelernt hat, wohin der Autor nun ebenfalls, sehr raffiniert, eine erstaunliche Spur legt.

Oh weh, nun haben wir schon wieder was verraten - allein, es bleibt, das kann man zur Beruhigung sagen, noch immer genügend nicht referierte action übrig, denn auch das ist eines der Markenzeichen von Ulrich Wickerts Krimis, dass sie wirklich gar nicht im behäbigen Tempo der angelsächsischen Pendants daherkommen, sondern so rasant und geballt mit Stoff und Informationen, dass man schon gut aufpassen muss beim Lesen, damit man jede Fährte, jede Finte nachvollziehen kann.

Geht da vielleicht der politische Journalist, der er ja immer war und auch noch ist, ein bisschen mit ihm durch? "Wissen Sie, mich fasziniert noch immer ganz gewaltig das politische Theater, das die Menschen in diesem Lande, aber auch bei uns in Deutschland aufführen. Es geschieht gegenwärtig so wahnsinnig viel Neues überall. Und ich habe jetzt im Ruhestand hier in Nizza einen wunderbaren Logenplatz gefunden, um das alles zu beobachten und dann auch aufzuschreiben, im Gewand des Krimis. Das macht einfach wahnsinnig viel Spaß."

Und wenn er da so sitzt, mit offenem Hemd, das allerdings exzellent gebügelt ist, wie er Nicole, die gerade die "coupe", den Begrüßungs-Champagner, kredenzt, ein galantes Lächeln schenkt, was die mit einer Geschichte von den neuesten Beziehungsdramen unter ihren Angestellten quittiert - wenn man also dem Nizza-Fan an diesem Sommerabend so zuschaut, dann spürt man als Tischgenosse sehr genau, dass man es hier mit einem Menschen zu tun hat, der sich rundrum wohlfühlt in seiner Haut. "Weil ich hier so gut schreiben kann! Weil ich herausgefunden habe, wie ich wann und vor allem wo am produktivsten bin, und das ist eben hier in dieser Stadt, wo sich die Kulturen mischen, wo Hoch und Niedrig sich begegnen, wo die Geschichte in die Gegenwart hineinragt." Spricht's und widmet sich nun sehr konzentriert der Weinkarte, denn beim Begrüßungs-Champagner soll es ja schließlich auch heute nicht bleiben.

Das alles, denkt der Tischgenosse sich, klingt doch eigentlich ganz danach, als ob wir noch manchen "Ricou" von Ulrich Wickert erwarten dürfen und damit Krimis, die unserer Zeit, ihren Auswüchsen und ihren Errungenschaften, den Spiegel vorhalten. Möge es so sein. Denn das ist es, was wir lesen wollen.

Ulrich Wickert: Das achte Paradies. Piper, München. 333 S., 19, 95 Euro. Der Autor war auf Einladung des Piper-Verlages in Nizza.

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