Ulrich Wickert

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"Ein Fernsehjournalist, der den Deutschen zeigte, wie aus unnachgiebiger Ethik ein unabhängiger Geist entsteht: Zum siebzigsten Geburtstag von Ulrich Wickert." - 02.12.2012, FAZ

Harme hat etwas mit Lässigkeit, Gelassenheit, Selbstsicherheit und einer daraus folgenden Bereitschaft zum Regelverstoß und zur Renitenz zu tun. Alles findet man in dem kurzen Film, der den damaligen ARD-Korrespondenten in Paris berühmt machte und für seine Karriere das wurde, was „Satisfaction“ für die Stones ist - der Hit, der immer wieder gespielt werden muss: Ulrich Wickert überquert die verkehrsumtoste Pariser Place de la Concorde. Er tut es, ohne auf die Autos zu achten, das ist seine These, die er mit hohem körperlichen Einsatz beweisen will: Wenn man nicht auf die Autos achtet, achten sie auf einen. Starrt man nach den Autofahrern, könnten diese denken, der Fußgänger erkenne den Ernst der Lage. Deswegen einfach, anders als die zurückschaudernden Touristen, durchmarschieren.
Diese Performance war natürlich auch eine sehr ernste Liebeserklärung an Frankreich: Wickert legte sein Schicksal in die am Volant ruhenden Hände seiner Gastgeber, weil er davon ausging, dass die Franzosen nicht mit rechtsrheinischem Furor auf „ihrer“ Spur beharren und unter Umständen die dort auftauchenden zweibeinigen Hindernisse einfach umnieten - sondern Spuren und Regeln ohnehin eher als fakultative Vorschläge des Staats ansehen, ständig mit Anarchie rechnen und deswegen in der Lage sind, zu improvisieren und flexibel zu reagieren.
Dass Wickert im fremden Chaos gut zurechtkam, mag in seiner Biographie begründet liegen: 1942 in Tokio geboren, wo sein Vater an der Deutschen Botschaft als Rundfunkattaché angestellt war, in Kawaguchi an einem See am Fuße des Fuji aufgewachsen, in Paris zur Schule gegangen, studiert in den Vereinigten Staaten, brachte Wickert eine damals seltene Weltläufigkeit in den Beruf des politischen Journalisten mit, den er erst bei Monitor und dann als Korrespondent in Paris und Amerika ausübte, bevor er 1991 das Gesicht der Tagesthemen wurde.
Ein großer Teil der Fernsehzuschauer brauchte Ulrich Wickert, um zu begreifen, was der Unterschied zwischen einem Nachrichtensprecher und dem Anchorman einer Nachrichtensendung ist. Ein deutscher Nachrichtensprecher war eine Art gut angezogener Apparat, in den man hinten eine Nachricht hineinsteckte, die vorn verlesen wurde. Als Moderator der Tagesthemen von 1991 bis 2006 war es Wickerts großes Talent, seinen Zuschauern aktuelle Geschehnisse und Fakten klar und nachrichtlich zu präsentieren - und ihnen gleichzeitig eine sehr entschlossene Weltsicht, Deutung, Meinung dazu anzubieten.
Man ahnte, dass Wickert eine Meinung zu den Dingen hat, manchmal äußerte er sie sehr deutlich, manchmal zeichnete sich seine kritische Haltung ab wie Muskeln unter einem eng sitzenden Hemd. Die Zuschauer honorierten es, dass sie mit Wickert keinen Ich-muss-so-tun-als-ob-ich-ein-objektiver-Informationsapparat-bin-Journalisten, sondern einen streitbar- temperamentvollen, politisch denkenden Menschen zu sehen bekamen, der eine Furchtlosigkeit an den Tag legte, die man nicht bei allen findet, die ihm folgten.

Man muss kein Fan seiner diversen Sachbücher zu Moral und Anstand sein, die ein hohes Trostpotential für alle haben, die schon vor der Lektüre das Gefühl umtrieb, der Ehrliche zu sein, der gleichzeitig immer der Dumme sei - Wickerts unnachgiebige Ethik machen einen der unabhängigsten Geister aus ihm, die der politische Fernsehjournalismus in Deutschland hatte und hat. Unvergessen sein renitenter Kommentar zum Thema Tibet - es werde, so Wickert, „zu Recht beklagt, dass die tibetische Kultur von den Chinesen unterdrückt wird. Darüber sollte man aber nicht vergessen, dass die tibetische Kultur aus einer Religion hervorgeht, die noch sehr viel brutaler war und die Menschen in Tibet wie in der schlimmsten Diktatur unterdrückte. Deshalb verbietet sich jede unkritische Gefühlsduselei für den Dalai Lama.“

Solche deutlich gegen den Mainstream widerhakenden Kommentare sind beste Aufklärung und zeigen einen kritischen Geist, der sich auch angesichts der Lügen der Bush-Administration nicht bändigen ließ - und der in Wickerts Kriminalromanen den Pariser Untersuchungsrichter Jacques Ricou antreibt, der auf Martinique den dunklen Folgen des Indochinakriegs und in Angola den Verbindungen zwischen Waffenhändlern und Ölmagnaten auf der Spur ist. Am heutigen Sonntag wird Ulrich Wickert siebzig Jahre alt. In der Welt der Nachrichtenmagazine fehlen er und seine Renitenz. Es bleibt dort nur: das Wetter.

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