Ulrich Wickert

Artikel über mich

Was für ein erstaunlicher Mann

02.12.2022, Süddeutsche Zeitung

Ulrich Wickert ist der bekannteste Journalist Deutschlands, nicht nur weil er die „Tagesthemen“ prägte. Bis jetzt, zu seinem 80. Geburtstag, weiß er Freunde wie Fremde zu verblüffen

Unter den vielen Dingen, die der talentierte Herr Wickert vermag, gibt es wenige, aber bezeichnende Ausnahmen: Er pflegt keine schlechte Laune, hegt keinen Groll und er weigert sich, eine apokalyptische Sicht auf die Zukunft zu entwerfen. Ist das eine natürliche Gabe oder eine philosophische Übung? Wissenschaftler müssten sich das einmal genauer ansehen. Wo das Seufzen zum Leitmedium einer als krisenüberlastet empfundenen Gesellschaft wurde, fällt seine Stimme bis heute – sei es bei persönlichen Begegnungen oder nur am Telefon – durch übermütiges Lachen auf und etwa den begeisterten Ausruf „Ha!“, wenn er etwas hört, das ihm gefällt.

Als er sich mal mit Günter Grass furchtbar zerstritten hatte, war seine Problemlösung ganz einfach

Für jemanden, der 1942 im schönen Tokio zur Welt kam, ist ein faszinierender Fundus an Erfahrungen zusammengekommen. Man wird Ulrich Wickert trotzdem kaum dabei erwischen, sich in ein goldenes Gestern zurückzuziehen, um als Eremit auf die Jugend zu schimpfen. Hier und da hätte er guten Grund, denn wer das Glück hatte, mit dem französischen Staatspräsidenten François Mitterrand zu verkehren, völlig ungezwungen mit ihm diskutieren zu können, könnte sich schwertun mit denen, die dieser Romanfigur von einem Präsidenten im Élysée-Palast nachfolgten. Aber daraus entsteht bei Wickert kein Hadern mit der Gegenwart, höchstens ergibt sich eine Gelegenheit, mal wieder die eine oder andere Story über Mitterrand zum Besten zu geben. Übrigens hat Wickert das auch mit Max Horkheimer, Willy Brandt und Eugene Ionesco drauf. Was wiederum nicht heißt, dass ihm heutige Politiker fremd sind. Für eine Podcastreihe nahm er sich mal vor, die kennenzulernen, und niemand sagte ihm ab. Wie sich überhaupt die Türen öffnen und die Sprache löst, wenn er irgendwo erscheint.

Dies ist kein Wunder, sondern es hat mit Vertrauen zu tun: Uli Wickert ist der bekannteste deutsche Journalist, und er ist einer der am längsten amtierenden. Er hat sehr viel getan und manches sehr bewusst unterlassen. In all der Zeit erhoben sich keine Skandale, er gierte auch nicht nach dem Geld irgendwelcher Oligarchen oder Digitaltycoons, sondern blieb dem breiten Publikum und der bürgerlichen Öffentlichkeit gewissenhaft treu.

Nie wird man von ihm die banale Charakterisierung von Generationen hören, in der allen Personen eines Geburtsjahrgangs kollektive Eigenschaften zugeschrieben werden, obwohl doch jeder weiß, dass so ein Mensch komplexer gebaut ist und der Blick aufs Herstellungsdatum nur von begrenzter Aussagekraft ist. Er ist Zeitzeuge genug, um sich auch an die schlechten Seiten der sogenannten guten, alten Zeiten zu erinnern, an Intoleranz, Kommunistenjagd und Spießertum. In ihm wohnen Weltanschauungen, die sich sonst meiden – eine ziemlich sozialdemokratische Philosophie und eine unerschütterliche Zuversicht, im Dreierbund mit der Fähigkeit, sich am Moment und hier besonders am Genuss zu erfreuen. Das gute Leben also nicht der Realisierung hehrer Ziele oder einem noch so wertvollen Anliegen zu opfern. Die schöne Zeit mit seiner Frau Julia Jäkel, den Kindern, den Freunden, sei es in Hamburg, in Frankreich oder im Münchner Schumann’s – er weiß das wahrhaft zu schätzen.

Als er sich mal mit seinem Freund, dem Schriftsteller Günter Grass, in einer wichtigen Frage sehr gestritten hatte und eine drückende Funkstille zwischen den beiden entstand, suchte Grass schließlich irgendwann Wickerts Rat: „Was machen wir denn jetzt?“ Wickert überlegte eine Weile – und machte dann den verblüffenden Vor- schlag, die Sache jetzt mal einfach zu vergessen. Einfach ist hier ein kleines Wort. In Wahrheit stellte er die große Sache der Freundschaft über die Treue zur Sache. Das können nicht viele.

„Sie sehen ja gut aus“, sagt ihm wer. Wickert: „Danke, Sie sehen auch gut aus.“

Ein guter Augenblick, das kann man bei ihm lernen, muss genutzt werden. Daher gibt es in Tischgesellschaften mit ihm nie Langeweile oder ausgeschlossene Tischgenossinnen, denn er scheut sich nicht, zu Beginn ein Thema vorzugeben und dann darauf zu achten, dass alle am Tisch zu Wort kommen und nicht nur die, die eh dauernd quasseln. Meisterlich ist auch sein Umgang mit kapriziösen oder von sich eingenommenen Menschen: Da übt er sich in leichten, eleganten moves und entledigt sich der Nervensägen wie der Torero des Stiers, Stichwaffen kommen allerdings nicht zum Einsatz, obwohl er verbal genau zu treffen vermag.

Neulich sprach ihn, wie es fast jeden Tag vorkommt, jemand auf der Straße an – dieses Mal ein Mann in den besten Jahren, der vielleicht eine Spur zu gönnerhaft bemerkte, er, Wickert, sehe ja wirklich gut aus. Das „für ihr Alter“ war nicht ausgesprochen, aber es schwang mit. Wickert gab das Kompliment freundlich zurück: „Danke. Sie sehen auch gut aus.“ Der Mann sagte leicht empört, er sei ja auch viele Jahrzehnte jünger als Wickert. Der ungerührt antwortete: „Dafür habe ich mehr Haare als Sie.“

Permanente Selbst- und Fremderkundung liegt ihm fern, zu interessant ist die Welt. Eben hat er einen neuen, spannenden und aufklärerischen Kriminalroman fertiggestellt, in dem sein Protagonist, der Ermittlungsrichter Jacques Ricou, nieder- trächtigste Verbrechen in höchsten Kreisen aufklärt. Die Krimis schreibt er im Wechsel mit hochpopulären Sachbüchern, auch ein Kinderbuch hat er schon veröffentlicht, aber das ist nur ein Teil seiner unendlichen Aktivitäten. Wenn man im Gespräch mit ihm anmerkt, man sei sehr, sehr beschäftigt, habe irre viel um die Ohren, ruft er: „Ist doch toll!“ Das Thema Work-Life-Balance ist ihm insofern bekannt, als er beides super findet – weil er es sich auch so eingerichtet hat und auf Posten in der öffentlich-rechtlichen Hierarchie oder anderen, beispielsweise politischen Apparaten verzichtet hat. Im Dienst anderer zu stehen? Das wäre eine der Sachen, die er gar nicht kann.

Längst hat er das Medium des Podcasts erobert, bereichert Fernsehsendungen und ist seit vielen Jahren als Secrétaire per- pétuel der gute Geist der in deutsch-französischen Fragen maßgeblichen „Académie de Berlin“. Sein Alter sollte statt mit 80 mit heute angegeben werden, denn seine wahre Heimat ist die Gegenwart. Darum hier nur der Form halber: An diesem Freitag wird Uli Wickert 80 Jahre alt.

Von Nils Minkmar