






Klassik-Buchtipp Dezember 2009
Eugène Ionesco: Geschichten für Kinder unter drei Jahren
Heute will ich Sie an Eugène Ionesco erinnern, den Vater des absurden Theaters. Wissen Sie noch, der Autor so großartiger Stücke wie „Die Stühle“ oder „Die Nashörner“.
Er kam vor hundert Jahren zur Welt. Genauer gesagt: am 26. November 1909. In vielen Lexika steht allerdings, er sei 1912, also drei Jahre später geboren. Den Grund dafür hat er mir einmal, schelmisch lächelnd, erzählt: Als er endlich mit seinen beiden Stücken: „Die kahle Sängerin“ und „Die Unterrichtsstunde“, Erfolg hatte und Aufsehen erregte, da war er schon über Vierzig. Aber ein bedeutender französischer Kritiker sagte ihm: mit über Vierzig gehört man nicht mehr zur Avantgarde. Also machte er sich drei Jahre jünger, war dann Ende Dreißig und wurde als Autor der Moderne gefeiert.
Als ich in Paris lebte, hatte ich das Glück, seine Freundschaft zu gewinnen. Ionesco hat mir den Kern des absurden Theaters erklärt: nicht das Theaterstück ist absurd, sondern das Theaterstück stellt das Absurde in der Welt dar. Und das gilt immer noch und macht Ionesco zum Klassiker.
Nun könnte mein Klassiktipp lauten, nehmen Sie sich „Die Kahle Sängerin“ oder „Die Unterrichtsstunde“ noch einmal vor. Aber nein: Ionesco hat auch „Geschichten für Kinder unter drei Jahren“ geschrieben. Lesen Sie diese lustig scheinenden, aber doch ernsthaften Dialoge. Die gehen etwa so:
„Entzückt bleibt Josette vor einem Beichtstuhl stehen und fragt: „Gibt es einen Fahrstuhl, um in den Himmel zu kommen?“
Papa antwortet: „Hm, gewissermaßen ja.“
Josette fragt: „Was fährt eigentlich in den Himmel? Gehen wir in den Himmel mitsamt unseren Kleidern?“
Papa antwortet: „Nein, nur die Seele geht in den Himmel.“
Papa ist sehr verlegen…
Josette: „Ja, was ist das genau? Kommt die Seele zum Mund heraus? Muss die Seele aufs Töpfchen? Macht sie Pipi?“
Na gut, so geht es weiter. Nicht der verklemmte Vater findet die Antwort, sondern die noch naive Josette. Klar doch.
Also: mein Klassiktipp: Eugène Ionesco: „Geschichten für Kinder unter Drei Jahren“.
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Quelle / © : Süddeutsche Zeitung Magazin

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copyright © 2009 Ulrich Wickert



