Ulrich Wickert

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Identität und Käse – 27.10.2017, Sächsische Zeitung

Wenn jemand die Franzosen versteht, dann ist es Ulrich Wickert. Das beweist er bei seiner Lesung in Dresden.
Diese Franzosen! Wer hat nicht schon einmal über den europäischen Nachbarn die Augen verdreht? Sie sind aber auch schon so ein ganz eigenes Völkchen. Völlig unmöglich, sie zu verstehen.

Aber Hilfe naht: Ulrich Wickert hat sich des Problems in seinem neuen Buch „Frankreich muss man lieben, um es zu verstehen“ angenommen. Denn der ehemalige „Tagesthemen“-Moderator kann nicht nur Krimis. Er hat auch eine besondere Beziehung zu Frankreich. Am Mittwochabend gewährt er im Thalia Haus des Buches in Dresden einen Einblick. Er liest, scherzt, spricht über Präsidenten, Identität und Käse. So habe der ehemalige Präsident Nicolas Sarkozy einen Skandal ausgelöst, als er den Käsegang bei Staatsbanketts strich – außer wenn sich Bundeskanzlerin Angela Merkel ankündigte. Sie liebt Käse.

Es steht aber vor allem eine Frage im Raum: Der Journalist und Autor weiß das und stellt sie sich kurzerhand selbst: „Sag mal, was hast du mit Frankreich?“ Die Antwort sei ganz einfach. Immerhin sei er als 13-Jähriger nach Paris gezogen, habe die Pubertät inmitten der Franzosen verbracht und dabei nicht nur in einem Dreivierteljahr die Sprache gelernt, sondern auch die Geschichte und Literatur des Landes studiert. „Dann habe ich ’69 die erste Präsidentschaftswahl als Journalist begleitet.“ Und seitdem auch jede weitere. So ist es nicht überraschend, wenn er schon im Prolog des Buchs erzählt, dass er den französischen Präsidenten Emmanuel Macron bereits 2014 traf und seitdem dessen Werdegang interessiert verfolgt habe. „Macron ist durch großes Glück Präsident geworden“, sagt Wickert und erzählt, wie sich die anderen Kandidaten entweder gegenseitig oder sogar selbst aus dem Rennen nahmen.

Wickert liest und spricht über solch komplexe Themen, als plaudere er aus dem Nähkästchen. Wer das Buch nicht kennt, wird kaum bemerken, wenn der Autor beim Lesen neue Gedanken und Anekdoten einfügt. An diesem Abend spart Wickert auch nicht mit Kritik. Mit seinem Buch will er, dass man die Franzosen besser versteht. Und drückt dabei den Finger direkt in die Wunde. So spricht er nicht nur über Sarkozys Essgewohnheiten. Oder darüber, dass in Frankreich Kultur und Macht wichtiger sind als Geld und Wirtschaft. Wickert erklärt auch, wie Landeseliten alle nach dem gleichen Prinzip ausgebildet werden, welche lebensgefährlichen Initiationsriten noch heute an Eliteschulen üblich sind und dass aus diesem gemeinsam erlebten Leid der Zusammenhalt der Eliten kommt. Und dass die Franzosen sowieso an einem Identitätsproblem leiden, seit sie gegen die Preußen den Krieg verloren. Seitdem gewannen die Deutschen in Europa immer mehr Einfluss und wirkten auf die Franzosen bedrohlich. Daher auch die Sehnsucht nach einer Figur wie Macron, die das französische Selbstbewusstsein stärkt.

Nadine Franke

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