Ulrich Wickert

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Hart und ohne Süßigkeit: Ulrich Wickert als Krimiautor - 01.09.2003, Süddeutsche Zeitung

Wer gern schreibt, genügend Selbstvertrauen und Arbeitslust hat, träumt schon mal davon, einen Roman zu produzieren. Wer aber ahnt, dass ein solches Produkt hinterher Beschämung auslösen kann, wenn es unzulänglich ist, versucht sich besser zunächst als Kriminalautor. Das Genre wird weitgehend nicht der Literatur zugerechnet und die Gesetze der Kritik sind milder. Der TV-Journalist und Tagesthemen-Moderator Ulrich Wickert hat seinen ersten Kriminalroman geschrieben, und das Werk ist - trotz einiger stilistischer Ungezogenheiten und allzu gern gebrauchter Wendungen - gelungen. Ein lesenswertes Buch.

Geschickt verknüpft der Autor in seinem Werk „Der Richter aus Paris“ den Schicksalsfaden seines Helden Jacques Ricou mit großen reignissen der französischen Kolonial- Geschichte: Die Schauplätze liegen in Indochina, Algerien, auf der Antilleninsel Martinique und natürlich spielt ein Teil der Handlung in der französischen Hauptstadt. Die Realität hat den Rohstoff der Geschichte geliefert. Der unbestechliche Richter Ricou (Wickert hat ein Faible für Untersuchungsrichter) versucht, den Mord an einem alten General aufzuklären, der zu Lebzeiten die Kassen der Parteien mit Barem gefüllt hatte. Es wird tüchtig abgehört und auch gemordet. Eine flimmernde Fülle von Fakten und Gesichtern, doch der Leser verliert auch im Getümmel den Überblick nicht.

Die Region, die er kennt

Es ist eine Manns-Geschichte, hart und ohne Süßigkeit, mit einem Rückblick auf das Treiben der Vietminh 1953 in Indochina. Ausführlich und beklemmend werden Folter und Brutalitäten geschildert. Die Überlebenden, die der Hölle in Vietnam entkamen, geistern durch die Handlung. „Überlebende Skelette“ wurden sie genannt.

Liebe gehört zum Krimi und bei Wickert, einer ausgewiesenen Fachkraft fürs Leben zu zweit, wird auch geturtelt. Aber der Eros, der sich in Gestalt der schönen kreolischen Witwe Amadee offenbart, ist eher schweigsam und scheu. Unvermutet schüchtern kommt der Autor daher. Wie für viele Journalisten, die darüber reden, spätestens nach der Pensionierung Krimis zu schreiben, hat Wickert ein Vorbild: Es ist Raymond Chandler, der 1959 verstorbene Erfinder des Detektivs Philip Marlowe. Chandlers Waffe war die Sprache, sein beißender Sarkasmus, seine präzisen Beobachtungen, seine lakonischen Betrachtungen. Die Handlung war ihm nur Vorwand fürs Schreiben. Wickert kann das nicht und er lässt sich glücklicherweise nicht verleiten, den Unerreichbaren zu kopieren. Er bleibt in der Region, die er kennt: In Frankreich.
In Paris ist er zur Schule gegangen, in Paris arbeitete er als Korrespondent und wurde Studioleiter. Drei Bücher hat er über Frankreich und die Franzosen geschrieben. Das letzte Savoir- vivre-Werk „Vom Glück, Franzose zu sein“ erschien 1999.

Für sein Romandebüt hat er fleißig Stoff gesammelt, Bücher studiert und ist in Archiven fündig geworden. Wickert stöberte auch im Internet. Wenn er eine Biermarke aus Martinique brauchte oder Genaueres über das Jagdgewehr Tactical Elite SBS 96 wissen wollte, schaute er bei Google nach. Auch der Moderator Wickert ist ein Google-Fan. Der Verlag hat dem Werk den Untertitel „Eine fast wahre Geschichte“ gegeben. Liebevoll wie früher bei den Büchern über Käse, Wein und gutes Essen beschreibt Wickert den seltsamen Hang der Franzosen zu allen Arten der Amnestie. Didaktisch gut aufbereitet wird das Zusammenwirken zwischen Kommunisten und Charles de Gaulle beschrieben. Fast vergessene Gestalten wie der große Bürgerrechtler Frantz Fanon, dessen Werk „Die Verdammten dieser Erde“ zur Bibel der Befreiungsbewegungen wurde, kommen vor, was aber auch ein Problem sein kann. Der Bürgerrechtler lugt gewissermaßen nur in die Geschichte.

Etwas erratisch ragt auch der Prozess um den Schmierkonzern Elf-Aquitaine in die Handlung. Einige Charaktere im Buch sind nicht liebevoll genug ausgeleuchtet, den manchmal etwas dräuenden Milieustudien hingegen hätte es gut getan, wenn der Lektor ein Chandler-Fachmann gewesen wäre. Aber das sind nur Petitessen. Wer es mag und braucht, kann bei der Lektüre seine Französisch-Kenntnisse überprüfen. Das Radio-bois- patate ist eine Buschtrommel, Pied-noirs nennt man Franzosen, die seit Generationen in Algerien gelebt haben. Le Corbeau bedeutet nicht nur krächzender Rabe, sondern auch anonymer Denunziant. Am Ende klärt sich alles auf und vor den Tagesthemen hat das Gute gesiegt. Nicht Schlecht fürs Erste.

SZdigital, Süddeutsche Zeitung GmbH / Hans Leyendecker

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