Ulrich Wickert

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Was denken Sie über Deutschland in der Nacht, Herr Wickert? - 20.06.2006, Hamburger Abendblatt

Abschied: Nach 15 Jahren räumt der „Tagesthemen"-Moderator seinen Platz. In Japan wurde der Diplomaten-Sohn geboren, in Frankreich ging er zur Schule, in Deutschland besuchte er ein Internat, und in Amerika studierte er: Wie und wann entwickelt ein Kosmopolit wie dieser ein Nationalgefühl? Der Umgang der Deutschen mit ihrer Geschichte habe ihm dabei sehr geholfen, sagt Ulrich Wickert (63) im Interview mit dem Abendblatt. Außerdem bekennt er sich zum Genuß, erklärt, wie man Ehrenmitglied der französischen Käsegilde wird, definiert sein ganz persönliches Glück und sagt, was er am Tag null nach den „Tagesthemen" am liebsten unternehmen würde...

ABENDBLATT: Wir haben das Mozart-Jahr, das Heine-Jahr, das Freud-Jahr. Auch über Sie wird viel geschrieben und gesendet. Leben wir auch im Wickert-Jahr?

ULRICH WICKERT: Nein, bitte nicht!

ABENDBLATT: Bleiben wir kurz bei Heine. Seine vielleicht berühmteste Verszeile lautet: „Denk ich an Deutschland in der Nacht..." Sind auch Sie um den Schlaf gebracht, wenn Sie nachts an Deutschland denken?

WICKERT: Wenn ich langfristig an Deutschland denke, empfinde ich Stolz, daß wir eine so große moderne Demokratie geworden sind und mit dem Dritten Reich und all seinen Greueln sehr bewußt umgehen, auch heute noch. Und wir haben unsere Lehren daraus gezogen. Ich kenne kein anderes Land der Welt, daß sich so intensiv mit seiner Vergangenheit befaßt hat. Ich selbst hatte allerdings lange Zeit Probleme mit meiner Identität als Deutscher.

ABENDBLATT: Inwiefern?

WICKERT: Das hängt wohl auch damit zusammen, daß ich in Japan geboren wurde, als Kind nach Deutschland kam und für die Kinder im Sauerland, wo wir lebten, „der Japaner" war. Dann bin ich in Frankreich in die Schule gegangen, da war ich natürlich "der Deutsche", der auch noch kein Französisch konnte. Anschließend bin ich wieder nach Deutschland ins Internat gekommen, wo ich dann als „der Franzose" galt. Als ich schließlich in Amerika studierte, da war ich wieder „der Europäer".

ABENDBLATT: Hatten Ihre Identitätsprobleme auch mit der deutschen Geschichte zu tun?

WICKERT: In meiner Zeit als Journalist in New York und Paris bin ich immer wieder auf Opfer des Dritten Reiches gestoßen, Leute, die im Konzentrationslager waren, die ihre Familie dort verloren hatten. Vor allem während der Berichterstattung über den Barbie-Prozeß 1987 in Lyon bin ich sehr eng mit Opfern zusammengekommen.

Zu jener Zeit habe ich eine 80 Jahre alte Frau kennengelernt, die einst mit einem Bäcker verheiratet war und mit ihm vier Kinder hatte. Es waren Juden, die in Paris lebten und während des Krieges nach Lyon flohen. Der Vater und der älteste Sohn wurden von der SS unter Klaus Barbie festgenommen und zu Tode gefoltert. Die Frau gab die beiden Töchter in ein geheimes jüdisches Kinderheim in den Alpen und tauchte mit dem Baby, einem Jungen, unter. Das Kinderheim wurde von Barbie entdeckt, die Kinder kamen nach Auschwitz und wurden dort vergast. Das erfährt die Frau alles nach dem Krieg. Und jetzt, gut 40 Jahre später, sitzt sie mit ihrem inzwischen erwachsenen Sohn vor mir, fängt an zu weinen und sagt: „Ich habe doch niemandem was getan." Das tut mir jetzt noch weh, wenn wir darüber reden. Denn in diesem Augenblick habe ich gedacht, ich wäre lieber Holländer.

ABENDBLATT: Wie haben Sie dann ein Identitätsgefühl entwickelt?

WICKERT: In Frankreich habe ich gelernt, daß es eine nationale Identität gibt, damit haben die Franzosen keine Probleme. Die Deutschen dagegen haben immer wieder behauptet, es gebe keine nationale Identität. Auch Roman Herzog hat als Bundespräsident in einer Rede zum Staatsfeiertag am 3. Oktober gesagt, es gebe Identität nur für eine einzelne Person. Warum wird eine kollektive Identität in Deutschland immer geleugnet? Weil man sich nicht mit der Geschichte des Dritten Reiches identifizieren will. Der Wandel trat bei mir ein, als ich mir zwei Dinge klarmachte: Zur deutschen Identität gehört auch die Geschichte des Dritten Reiches mit all ihren Greueln. Das müssen wir akzeptieren, aber wir müssen daraus Lehren ziehen. Letztlich verpflichtet uns die deutsche Vergangenheit dazu, überall dafür einzutreten, daß es nicht noch einmal zu einem Völkermord kommt. Dieses Denken hat seine Konsequenzen in der Politik. Aus "Nie wieder Krieg" wird dann: „Nie wieder Auschwitz", also: Wir greifen dort ein, wo Menschen in großer Not sind. Das empfinde ich als logische, gute Konsequenz. So lautet unsere Verpflichtung aus der Geschichte heraus.

ABENDBLATT: War das ein schwieriger Prozeß für Sie?

WICKERT: Ja, ich habe daran sehr gearbeitet, dieses Identitätsgefühl zu entwickeln.

ABENDBLATT: Sie waren von 1972 bis 1980 Mitglied der SPD. Können Sie sich heute noch vorstellen, einer Partei anzugehören?

WICKERT: Ich habe Schwierigkeiten mit allen Parteien. Sie denken zu sehr in Machtkategorien und zuwenig an das politisch Notwendige.

ABENDBLATT: Im Gegensatz zu Politikern und Managern haftet Ihnen ja das Image des „guten Menschen Ulrich Wickert" an. Das wird gern ein wenig spöttisch gebraucht. Wie gehen Sie mit solchen Klischees um?

WICKERT: Dagegen kann man nichts machen. Aber es ist doch nett.

ABENDBLATT: Sie sind auch eine öffentliche Person. Die Trennung von Privatheit und Öffentlichkeit ist nicht immer ganz einfach. Wie regeln Sie das?

WICKERT: Ich spreche nicht gern über mein Privatleben, weil ich erlebt habe, daß Privatheit nicht mehr respektiert und auch ausgestellt wird. So hat zum Beispiel jemand den Hörspielpreis erhalten, weil er seinen gesamten Alltag dokumentiert hat inklusive des Gangs auf das Klo. In der Begründung für den Preis wurde dann positiv angemerkt, daß er sogar sein Privatestes öffentlich gemacht habe. Da frage ich mich: Wieso muß man dafür einen Preis bekommen? Kann man nicht das Private privat sein lassen?

ABENDBLATT: Offenbar ist das eine Form des Exhibitionismus, das Ausstellen der Persönlichkeit in der Öffentlichkeit...

WICKERT: Ja, mich stört das - vielleicht bin ich ja ein wahnsinnig altmodischer und langweiliger Mensch, der es nicht mag, wenn in der Presse nur noch Leute wahrgenommen werden wie diese Frau, die einen Nachnamen hat wie ein Hotel und den Vornamen einer der schönsten Städte der Welt, von der es nicht mal einen schlauen Spruch gibt, zudem sieht sie noch häßlich aus, aber man kann ihr Sexleben im Internet sehen...Ich verstehe das nicht!

ABENDBLATT: Sind Sie froh, sich nach dem Ende der „Tagesthemen"-Zeit vielleicht leichter der Öffentlichkeit entziehen zu können, weil das Interesse an Ihrer Person möglicherweise nachläßt?

WICKERT: Wenn das so wäre, fände ich das erleichternd.

ABENDBLATT: Sie gelten als Genußmensch, lieben französische Lebensart, den Wein, den Käse. Was bedeutet Genießen für Sie?

WICKERT: Genuß bedeutet für mich, das zu haben, auf das man gerade Lust hat. Stellen Sie sich mal vor, jetzt in einer Hängematte zu liegen, ein schönes Buch zu lesen, mittags ein Glas Rosé zu trinken, dann weiterzulesen und dabei vielleicht ein bißchen einzuschlummern... (lacht) Das könnte ganz genußvoll sein. Vielleicht gelte ich ja auch als Genußmensch, weil ich mich zum Genuß bekenne. Das habe ich in Frankreich gelernt. Als ich dorthin ging, war ich Biertrinker, als ich zurückkam, war ich Weintrinker und wußte, was ein guter Wein ist. Ich bin in Sachen Genuß angelernt worden. Beim Käse übrigens auch. Und wenn Sie etwas gelernt haben, was mit Geschmack und Genuß zu tun hat, dann können Sie sich auch dazu bekennen.

ABENDBLATT: Sie sind nicht nur Ritter der französischen Ehrenlegion, sondern auch Ehrenmitglied der französischen Käsegilde. Wie wird man so etwas?

WICKERT: In Paris lebte ich neben einem kleinen Käseladen. Ich habe mir überlegt, wenn ich dort jetzt reingehe und die mich fragen, was ich möchte, und ich sage nur „Käse", dann lachen die Verkäuferinnen sich kaputt. Dort gibt es mehr als 400 Käsesorten. Irgendwann habe ich einen Film über den Laden gemacht. Der Besitzer ist heute übrigens Propst der französischen Käsegilde.

ABENDBLATT: Was nichts mit Ihrem Film zu tun hat...

WICKERT:Nein. Aber weil ich immer mal wieder einen Film über Käse machte, hat mich der Käsehändler auch zur Gilde eingeladen, und so wurde ich deren Mitglied. Zur 200-Jahr-Feier der Französischen Revolution hat auch die Käsegilde eine Versammlung einberufen - und mich zum Schirmherrn dieser Veranstaltung gemacht. Sie haben gesagt, die Revolution sei eine universelle Angelegenheit, da können wir auch mal einen Deutschen zum Schirmherrn machen...

ABENDBLATT: Viele Schauspieler oder Politiker leben ihre Liebe zum Wein, indem sie sich einen Weinberg zulegen. Haben Sie da Ambitionen?

WICKERT: Das, was ich mir zulegen würde, wenn ich das Geld hätte, wäre kein Berg, sondern ein kleines Weingut in Bordeaux. Das ist ein Traum, den ich mir nie erfüllen werde, weil ich keine Zeit habe, mich um den Wein zu kümmern. Das ist nämlich ein Hauptberuf.

ABENDBLATT: Bordeaux ist also noch weit. Gleichwohl haben Sie in Ihrem Leben in vielen Ländern gelebt. Was verbinden Sie mit dem Begriff Heimat?

WICKERT: Heimat ist Erinnerung an ganz vieles, an Dinge, an Umstände, an Gerüche, an Wissen. Was Orte betrifft, habe ich mehrere Heimaten - Heidelberg, da bin ich in die Volksschule gegangen, Paris, da bin ich auch zur Schule gegangen, und da habe ich später zehn Jahre lang als Korrespondent gelebt. Ich habe auch ein heimatliches Gefühl in New York, weil ich dort als Korrespondent gelebt und aus jener Zeit noch viele Freunde habe. Ich vermute, wenn ich mal nicht mehr in Hamburg wohne, werde ich auch für Hamburg ein heimatliches Gefühl haben.

ABENDBLATT: Heimat entsteht für Sie also auch aus der Distanz.

WICKERT: Ja, auch. Wahrscheinlich durch das Vermissen des Vertrauten.

ABENDBLATT: Was bedeutet für Sie Glück?

WICKERT: Ich habe mal gedacht, daß es ein Glück sein könnte, wenn man den Zustand erreicht, den Diogenes hatte, als er im Faß lag und Alexander vor ihn trat und sagte, ich erfülle dir alle Wünsche, und Diogenes nur sagte: Geh mir aus der Sonne! (lacht) Dann habe ich mich ein wenig mit Diogenes befaßt und gemerkt, was für ein Ekelpaket das war. Da habe ich mir gesagt, das kann es nicht gewesen sein. Jetzt meine ich: Glück ist ein Zustand, den wir anstreben, nach dem wir uns sehnen. Es gibt hin und wieder Glücksmomente, in denen man genau das hat, was man in diesem Augenblick haben möchte. Vielleicht ist Glück auch, wenn man mit sich eins ist.

ABENDBLATT: Wissen Sie eigentlich schon, was Sie am Tag null nach den „Tagesthemen" machen werden?

WICKERT: Ich glaube, ich werde ausschlafen! (lacht schallend) Nein, das kann ich nicht vorhersagen, ich entspanne erst mal in den Tag hinein...

Volker Albers

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