Ulrich Wickert

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Ortstermin mit Ulrich Wickert: Der öffentliche Mann, 11.05.2007, FAZ

Man muss sich nicht mit umständlichen Personenbeschreibungen abmühen. Ist auch der Treffpunkt unglücklich gewählt, weil es ein Lokal mit diesem Namen mehrfach gibt in Köln und eines von denen auch noch umgezogen ist, so muss man keine Sorge haben, man könne ihn in der Menge vor dem Dom verlieren. „Ist Ulrich Wickert eben hier langgegangen?" Sofort zeigen mehrere Zeitgenossen auf den Rücken eines großen Mannes mit einem kleinen Koffer.
Anonymität gibt es für Ulrich Wickert in der Bundesrepublik nicht mehr, aber er scheint jenen Sensor, der uns Nichtfernsehleute darüber informiert, dass wir angeschaut werden, ja in großer Intensität und von vielen angeschaut werden, einfach ignorieren zu können. Er ist ohnehin überflüssig: Wickert schauen immer alle an. Mag auch der Berufsstand der Journalisten an Beliebtheit verlieren, mag auch das Fernsehen gegenüber dem Internet seine Brisanz einbüßen - in den Blicken auf Wickert erkennt man die Mediengegenwart, und in der sind die Nachrichten, die „Tagesthemen", ein vertrauenswürdiges Medium. Den, der sie fünfzehn Jahre lang verkörpert hat, den kennen die Leute: Sie blicken ihn an wie jemanden, der ihnen etwas sagt.

Ein Blick, der die Menschen erreicht

Manchmal müssen Zuschauer Enttäuschungen verkraften. Der große Dan Rather, im Studio ein Held des kritischen Fernsehens, der das amerikanische Publikum immer wieder herausforderte und aufklärte, erweist sich in Talkshow-Auftritten ohne Teleprompter als Wirrkopf, der seine Monologe gern mit obskuren, von ihm selbst erfundenen Sprichwörtern durchsetzt („Tamp em up solid"). Wickert ist der gegenteilige Fall, er hat den Blicken auf ihn etwas zu erwidern, etwas, das die Menschen erreicht: Auch sein neues Buch „Gauner muss man Gauner nennen" (Piper) erreicht die Spitzen der Bestseller-Listen.

Wickert erwidert die fragenden Blicke, indem er schreibt. Er wiederholt auf geistigem und literarischem Gebiet jene Szene, die ihn berühmt gemacht hat: als er als Paris-Korrespondent der ARD die Place de la Concorde zu Fuß überquerte, jenen höllischen Verkehrsknotenpunkt mit einem Obelisken in der Mitte, den die notorisch ungesicherten und tödlichen französischen Autos umschwirren wie ein im falschen Moment gestörter Hornissenschwarm. Wickert aber schwebte hinüber, wie er durch die Stoffe seiner Bücher gleitet: temporeich, gelassen und vor allem unversehrt.

Weder Gutmensch noch Zyniker

Er geriert sich nicht als postmoderner Prophet und hält die Leute auch nicht für unmündig. Wickerts Bücher gehen von der Anschauung aus, von einfachen Szenen, wie sie jeder kennt in Deutschland, und beginnen dort eine Reflexion, die immer moderiert ist, nicht zu abstrakt, nicht anekdotisch, die aber immer den Nerv der Zeit zu treffen scheint. Einfache Fragen: Wie soll man leben, wenn man nicht besonders fromm, aber auch nicht betriebsblind vom Geldverdienen durch die Welt läuft? Wie soll man urteilen, wenn man sich weder als Gutmensch noch als Zyniker einordnen möchte? Und wo verortet man sich zwischen den neuen Hurrapatrioten und den vielen Nationalpessimisten?

Wickert lässt all diese Fragen auf sich zukommen und sortiert sie mühelos neu. Wenn er von der Leitkultur redet, die die CDU nun in ihr Grundsatzprogramm aufnehmen will, fragt er als Erstes, ob denn der Staat wirklich dazu da ist, Werte mit Inhalten zu füllen. Er betont stattdessen die Rolle der Gesellschaft und der nationalen Identität bei der Ausgestaltung dieser Werte: Zwar kann man sich sowohl in Frankreich wie hierzulande auf den Wert der Brüderlichkeit einigen, aber im ganz konkreten Fall des Organspendegesetzes zeigt sich, dass die nationale Ausgestaltung eine völlig andere ist: Während man in Deutschland ausdrücklich erklären muss, mit der Organspende einverstanden zu sein, gilt jenseits des Rheins das entgegengesetzte Prinzip, dort muss der Bürger es explizit verbieten. „Zwei Staaten aus demselben Kulturkreis, aber völlig entgegengesetzte praktische Interpretationen desselben Werts", staunt Wickert. Man kann ihm folgen. Er nimmt den Leser an der Hand, schreitet mit ihm durch das Gewühl der Gegenwart und mahnt die Umwelt zur Rücksicht. Das alles - in Deutschland eine Seltenheit - ohne je die gute Laune zu verlieren.

Im Takt mit dem deutschen Publikum

Nun hat das Café die Musik wieder eingeschaltet. Es ist später Nachmittag, ein Aperitifpublikum findet sich ein. Wickert bittet höflich darum, die Musik wieder auszuschalten. Eine junge Frau kommt an den Tisch und bittet um ein Autogramm für ihren Mann, der sei ein großer Bewunderer, aber schüchtern. Später huscht ein Mann auf dem Weg zur Toilette an uns vorbei und schaut auffällig unauffällig zu uns herüber. „Das war der Mann", bemerkt Wickert trocken, ohne hinzusehen. Von solchen kleinen Beobachtungen sind auch seine Bücher inspiriert: Als er unlängst mit ansehen musste, wie eine bürgerliche Familie in einem Hamburger Restaurant einen tragbaren DVD-Player auf dem Tisch ausklappte, um den fünfjährigen Jungen mit einem Trickfilm ruhigzustellen, wurde ihm wieder einmal klar, dass Verwahrlosung nicht nur materiell geschieht: „Stellen Sie sich mal vor, keiner hat mit dem Kind gesprochen!"

Dass er so sehr im Takt mit dem deutschen Publikum ist, lässt sich eigentlich nur schwer erklären. Als er als Teenager aus Japan zurückkehrte - sein Vater ist der Diplomat und Publizist Erwin Wickert -, wurde er erst mal gehänselt, da war er der Japaner. Später in Frankreich natürlich der Deutsche. Aber die Wanderjahre haben weder seinem Selbstbewusstsein noch seinem Gespür für Deutschland geschadet. Er weiß, wie das Land tickt, gerade weil er Distanz dazu hat. Im Zuge des Prozesses gegen Klaus Barbie hat er für „Monitor" über das Leben und die Untaten des Schlächters von Lyon berichtet. Einmal saß er einer Frau gegenüber, die ihre zwei Kinder vor Barbie in einem abgelegenen Waisenhaus versteckt hatte. Doch das Haus wurde verraten, Barbie hat alle Kinder ermorden lassen. „Da fängt die Frau an zu weinen und sagt: „Ich hab' doch niemandem was getan.“ Das ist so ein Moment, da wollte ich lieber Holländer sein, irgendwas, bloß kein Deutscher."

Reflexion auf die eigenen Werte

Heute weiß er aber, dass solch eine Flucht vor der eigenen Nationalität unmöglich ist und auch nicht wünschenswert. Wenn wir uns nicht um dieses Land kümmern, wer soll es dann sonst tun? Darin sieht er auch die Chance der Immigration: „Die Migranten kommen, und wir möchten, dass sie sich in unsere Werteordnung einfügen. Dann fragen die: Schön, aber was sind denn eure Werte? So werden wir dazu gebracht, besser darüber nachzudenken, sie schärfer auszuformulieren."

Nach dem Gespräch schlendert er zu Fuß zur Buchhandlung, in der gleich seine Lesung stattfinden wird. Wieder die Blicke. In unzähligen Kölner Wohnungen wird an diesem Abend der Satz fallen: Rate mal, wen ich heute gesehen habe?

Text: F.A.Z., 12.05.2007, Nr. 110 / Seite Z4 / Nils Minkmar

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