Ulrich Wickert

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Interview mit Ulrich Wickert - 05.06.2008, sz-online.de

Ulrich Wickert ist am Donnerstag Gast beim Erfolgsforum der SZ. Wir sprachen vorher mit ihm über Werte, Ehrlichkeit und die ARD-Tagesthemen.

Warum muss man Gauner Gauner nennen, Herr Wickert? Bringt das nicht nur Ärger ein?

Nein, nein. Unrecht muss man Unrecht nennen und Gauner eben Gauner. Es muss mehr Ehrlichkeit und Anstand in die Gesellschaft einziehen. Das fängt mit ganz banalen Dingen an. Zum Beispiel damit, dass wir unseren Kindern beibringen, was normal sein sollte: Höflichkeit, Sauberkeit, Pünktlichkeit. Inzwischen gibt es Schulen, die ihre Schüler zur Pünktlichkeit erziehen, weil es die Eltern nicht mehr tun.

Wer ist aus Ihrer Sicht ein erfolgreicher Mensch?

Ich habe vor Jahren das Buch „Der Ehrliche ist der Dumme" geschrieben. Natürlich war das ironisch gemeint. Wenn Sie heute die Zeitung aufschlagen, lesen Sie fast täglich Meldungen über Korruption, Abhörskandale und anderes. Das zeigt doch: Die wirklich Dummen sind nicht die Ehrlichen, sondern diejenigen, die sich nicht an Gesetz und Ordnung halten.

Das klingt fast zu schön, um wahr zu sein.

Und doch ist es so. Ich glaube, Erfolg hat der, der sich an die Regeln hält. Und zwar nicht nur an die Regeln der Wirtschaft, sondern auch an moralische Regeln. Schauen Sie sich viele deutsche mittelständische Unternehmen an. Dort gehört soziales Verhalten zum guten Ton, zu den Regeln des vernüftigen Zusammenlebens.

„Der Ehrliche ist der Dumme" ist zu einer sprichwörtlichen Redewendung geworden. Viele lesen den Titel ironiefrei und schließen daraus, dass sich Ehrlichkeit nicht mehr lohnt.

Das mag so sein, man kann nicht alle Wirkungen eines Buches vorhersehen. Ich bin aber überzeugt, dass sich Ehrlichkeit langfristig lohnt. Kurzfristig sagt mancher, wenn ich alle Steuern zahle, lohnt sich das nicht. Wer aber sein Geld in die Schweiz oder nach Liechtenstein bringt, statt Steuern zu zahlen, dem kann es am Ende gehen wie Herrn Zumwinkel, und er steht im Regen da.

Auf dem FDP-Parteitag in München sagte Guido Westerwelle: „Alle, die arbeiten, sind die Deppen der Nation." Hat er bei Ihnen abgeschrieben?

Das gehört zu den kabarettistischen Ausfällen von Herrn Westerwelle. Er meint damit, man könne von Sozialgeld besser leben als von der Arbeit. Da stimme ich nicht mit ihm überein.

Als Moderator der ARD-Tagesthemen mussten Sie sich täglich Gedanken über den Zustand der Welt machen. Tun Sie das auch heute noch?

Das hat sich nicht geändert. Als kritischer Staatsbürger mache ich mir Gedanken über den Zustand der Gesellschaft. Er sagt sehr viel aus über den Zustand unserer Politik, und da liegt ja manches im Argen.

Vermissen Sie das Fernsehen?

Sie werden es kaum glauben: Ich vermisse es wirklich nicht. Ich habe in meinem Leben viele verschiedene Dinge gemacht, und so bin ich jetzt in einer neuen Etappe angekommen. Ich komme zum kontinuerlichen Schreiben. Wenn ich schreibe, bin ich mehr ich selbst.

Sehen Sie noch die Tagesthemen?

Ich schalte sie regelmäßig ein, weil ich daran gewöhnt bin und zu dieser Sendung eine emotionale Beziehung habe.

Sind Sie zufrieden mit der Qualität der Sendung, oder schwillt Ihnen manchmal der Kamm?

Ich war über 15 Jahre bei den Tagesthemen. In diesen Jahren ist mir fast jeden Tag der Kamm geschwollen, weil ich gesagt habe: Wir können es besser! Solange man selber an einer Sendung arbeitet, sieht man viel eher die Fehler und Unzulänglichkeiten. Wenn es andere machen, wird man nachsichtiger.

Was halten Sie von Ihrem Nachfolger Tom Buhrow, dem von Kritikern wenig Charisma bescheinigt wird?

Ich habe Tom Buhrow einen Rat mitgegeben, einen einzigen. Und zwar den Rat, den mir seinerzeit mein Vorgänger Hanns-Joachim Friedrichs gegeben hatte: Sei wie du bist! Buhrow ist wie er ist, und das macht er gut.

Sie sind Herausgeber des neuen Onlineportals zoomer.de der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck. Was ist Ihre Aufgabe?

Ich versuche, diesem Nachrichtenportal eine journalistische Richtung vorzugeben, die Kollegen zu beraten. Und ich gestalte eine Video-Kolumne, spreche Kommentare zum politischen Geschehen.

Woran schreiben Sie?

Gerade liegen vor mir die Fahnen des neuen Krimis „Der nützliche Freund", der im August mit einer Startauflage von 50.000 Exemplaren bei Piper herauskommen wird.

Das ist schon Ihr dritter Krimi, wieder mit Richter Ricou?

Richtig. Dieses Mal kommt der Pariser Richter nach Sachsen-Anhalt. Ich sage nur Leuna, Leuna, Leuna.

Das klingt nach Wirtschaftskriminalität?

Es geht um Korruption, Intrigen, schmutzige politische Geschäfte, um Geldwäsche.

Ärgert Sie der Begriff „Plauderphilosoph", mit dem der „Spiegel" Sie bezeichnete?

Ich bin kein studierter Philosoph, ich bin Journalist. Und wenn jemand meint, ich könne über Philosophie plaudern, dann ist das eher ein Lob. Plaudern bedeutet, eine schwierige Sache leicht und verständlich darzustellen.

Sie galten als linker Jungliberaler, heute bezeichnen Sie sich als wertkonservativen Bürger. Was verstehen Sie darunter?

Ich weise zurück, dass ich Jungliberaler war. Ich lasse mich schlecht in Kategorien einteilen, weil ich nie zu den Ideologen gezählt habe. Ich gehörte zur humanistischen Studentenunion während der 60er Jahre. Der Begriff wertkonservativ führt die Leute manchmal in die Irre, weil sie nur das Konservative registrieren. Aber wertkonservativ bedeutet: die Einhaltung der Werte. Zum Beispiel die Werte der Französischen Revolution Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Daran orientiere ich mich.

Würden Sie Wahlkampf für eine Partei machen?

Ich finde als demokratischer Bürger muss jeder das Recht haben, für eine Partei Wahlkampf zu bestreiten. Ich will nicht ausschließen, dass mich plötzlich der Wahn überfällt, es einmal zu tun.

Sie glauben nicht an Gott, insgesamt ist in der Gesellschaft aber eine stärkere Ausschau nach religiösen und spirituellen Werten zu erkennen. Woran liegt das?

Das ist die Suche nach Antworten, die man sich sonst nicht geben kann.

Können Sie sich vorstellen, eines Tages ganz in Ihr geliebtes Frankreich zu ziehen?

Das kann ich mir nicht vorstellen, weil ich kulturell ein Deutscher bin, hier meine Wurzeln habe und deswegen in Deutschland meine Ansprache finde.

Werden Sie die Spiele der Fußball-Europameisterschaft im Fernsehen verfolgen?

Schon allein deswegen, weil meine Frau eine fanatische Fußball-Anhängerin ist.

Wer wird Europameister?

Deutschland.

Haben Sie eine Lebens-Maxime?

Sie wechselt, je nach dem Zustand, in dem ich mich gerade befinde.

Und wie befinden Sie sich?

Im Augenblick bin ich ganz entspannt und sage: Mal schauen, was auf uns zukommt.

Text: SZ-Online.de., 05.06.2008 / Rainer Kasselt

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