Ulrich Wickert

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Wenn „Mister Tagesthemen

Essen. Er war „Mister Tagesthemen". Davon zehrt Ulrich Wickert noch heute. Doch der 66-jährige Moderator hat mehr zu bieten: In seinen Büchern pflegt er das offene Wort. In Essen gab Wickert Kostproben seines Könnens.

Er ist gut, immer noch. Ulrich Wickert steht am Montagabend einer vollen Aula in Essen und schmettert ins beschlipste Publikum: „Gauner muss man Gauner nennen!” Darum rankt sich der Vortrag des Journalisten, der von 1991 bis 2006 fast allabendlich zu Gast in Millionen Wohnzimmern war – als „Mister Tagesthemen”. Heute schreibt der 66-Jährige Bücher und reist als Redner durch die Lande. Nach Essen ins Haus der Technik lud ihn die WAZ-Mediengruppe ein. Eindreiviertel Stunden fesselt Wickert – der aussieht wie „damals”, nur grauer – die Zuhörer. Im Fernsehen saß er sittsam da, wie es sich für eine öffentlich-rechtliche Nachrichtensendung gehört. In Essen ist er frei.

Also ragt Wickert fast zwei Meter hoch hinter einem Pult hervor, schwenkt die Arme, greift mit der rechten Hand in die Luft – als ob er einen imaginären Tennisball greifen wolle. Seltener hinterm Pult hervor darf die linke Hand, an der ein Ehering blitzt – seit 2003 ist Wickert in dritter Ehe mit einer knapp 30 Jahre jüngeren Medienfrau verheiratet.

Seine Stimme lässt der geschulte Redner an- und abschwellen. Manchmal liest er in der Essener Aula Passagen aus seinem Buch „Gauner muss man Gauner nennen. Von der Sehnsucht nach verlässlichen Werten” vor. Meist aber redet er meisterlich frei – mit einfachen klaren Worten.

Wickert referiert über ein Thema, das ihn seit längerem umtreibt. Er spricht von ethischen Werten, die eine Gesellschaft unbedingt braucht. Und die Mangelware seien, leider: „Ich bin dagegen, dass die ökonomische Diskussion unser Leben und Handeln belastet.”

Man hört ihm gebannt zu, diesem Nachrichtenmann, der so viel (mit-)erlebt hat und einiges davon mit den Zuhörern teilt. Dass er in seinem Jurastudium begriff, dass die Arbeitswelt des Rechts nicht seine ist. Dass sein Interesse für Philosophie erst später im Laufe seines Lebens geweckt wurde. Und dass er an vielen Orten auf dieser Welt gelebt hat.

Wickert gilt als Käsekenner

Wickert wurde Ende 1942 in Tokio geboren, sein Vater war der Diplomat und Schriftsteller Erwin Wickert. Zur Schule ging er in Heidelberg und Paris. In Bonn und Conneticut (USA) studierte er Jura und Politik. 1968 stieg er in die Medienwelt ein. Dort arbeitete Wickert unter anderem für das politische Magazin „Monitor” und war ARD-Korrespondent in Washington, New York und Paris, bevor er für 15 Jahre zu den „Tagesthemen” wechselte.

Der wohl angesehensten ARD-Sendung drückte Wickert seinen Stempel auf. Wenn er sachlich das Weltgeschehen referierte, schimmerten Distanz und ein Hauch Ironie durch. Seine charakteristische gepresste und leicht näselnde Stimme ist Wickert bis heute geblieben, ebenso der fixierende Blick aus tiefen Augenhöhlen an der großen Nase vorbei. Und die Liebe zu Frankreich. Diese schimmert nicht nur in den Rede-Exkursen ins Nachbarland durch, beispielsweise wenn er über die französische nationale Identität spricht, sondern auch in einem Versprecher – dem Verhaspeln blieb Wickert ebenfalls treu: Einmal spricht er „Berlin” erst französisch („Berläng”) aus. Er liebt übrigens neben Kultur und Sprache Frankreichs dessen Gaumenfreuden: Wickert gilt als Käsekenner und ist Mitglied der französischen Käsegilde „Confrérie de Saint Uguzon”

Er geißelt sprachliche Verschleierungen

Vor stark riechenden Milchprodukten hat Wickert ebenso wenig Scheu wie vor klaren Worten; das war schon in den Tagesthemen so. Er geißelt die sprachliche Verschleierung: Prekariat statt Unterschicht, Entsorgungspark statt Atommülllager. Er stellt Ex-Postchef Klaus Zumwinkel an den Steuerhinterzieher-Pranger. Und fordert mehrfach, Gauner Gauner zu nennen.

Gegen Ende des Vortrags wendet sich Wickert ans Publikum, viele Wirtschaftsleute sitzen dort: „Meine Bitte an Sie: Wenn Sie etwas zu entscheiden haben, denken Sie nicht nur an sich, denken Sie auch an die Gesellschaft. Vielleicht bewirken Sie ja etwas. Dafür muss man weder Held noch Heiliger sein.” Das wäre ein gewaltiges, aber kein Wickert'sches Schlusswort. Das lautet auch diesmal: „Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Abend und” – der Zeigefinger schnellt hoch – „eine gerrrruuuuuhsame Nacht”.

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