Ulrich Wickert

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ARD-Mann Ulrich Wickert erfindet sich immer neu - 25.09.2010, tagblatt.de

Wie ein Familienangehöriger wird er von manchen wahrgenommen. Er bekommt Post, in der man ihn fragt, wie er denn den neuen Wohnzimmerteppich finde. Schließlich war Ulrich Wickert über 15 Jahre lang Gast in den Fernsehstuben der Nation – als Mr. Tagesthemen.

Tübingen. Ulrich Wickerts Charakterkopf ist so sehr Teil der Medienkultur, dass man sich wundert, ihm außerhalb des Fernsehkastens zu begegnen. Wie ist es, ein so öffentlicher Mann zu sein? „In Paris“, sagt er, „erkennt mich keiner.“ Und in Tübingen? Da verbrachte er die Zeit zwischen der Lesung in der Reutlinger Osiander-Filiale und der Rhetorik-Tagung, an der er gestern teilnahm, vor allem im Frühstücksraum und im Zimmer des Hotels. „Man hat sein Büro ja immer dabei.“

Doch nun sitzt Ulrich Wickert leibhaftig im Konferenzraum der TAGBLATT-Redaktion und ist diesmal selber der Interviewte. Auch diese Rolle scheint ihm Spaß zu machen: ein aufgeräumter, gut gelaunter Mann, der die Welt kennt – nicht nur ihre Nachrichten. In seinen Sachbüchern plädiert er für ein neues Wertebewusstsein, ein andermal führt er als Bonvivant durch Paris. Und als Krimiautor geht er über Leichen: Haben wir es da mit einem Dr. Jekyll und Mr. Hyde-Fall zu tun? Nein, Wickert winkt ab. Er ist keiner, der in seinen Büchern dem Blutrausch verfällt. „Morde geschehen bei mir nur, um zu kaschieren, was wirklich passiert ist.“ Da kommt der Werte-Wickert dem Krimi-Wickert keineswegs ins Gehege: „Die Politik will verhindern, dass ein korruptes System aufgedeckt wird.“ Allerdings ist der Autor nicht ganz frei von niederen Gefühlen. So ließ er seinen neuesten Krimi-Mord extra im Zimmer 514 des Berliner Hotels geschehen, das ihm einmal seinen Lieblingsraum nicht geben konnte.

Wickerts neuester Fall heißt: „Das achte Paradies“. Zum vierten Mal tauchte er damit in die Welt des Untersuchungsrichters Jacques Ricou ein. „Ich erfinde mich immer neu“, sagt der 68-Jährige, der von 1991 bis 2006 Hauptmoderator der „Tagesthemen“ war und zuvor vor allem als Frankreich-Korrespondent der ARD bekannt wurde. Dennoch nimmt er am politischen Geschehen nach wie vor leidenschaftlich Anteil.

Über „Macht und Verantwortung der Medien“ sprach er gestern Abend im Audimax, und dieses Thema war es auch, dass ihn im vergangenen Jahr in einem „Faz“-Artikel die Zurückhaltung gegenüber Kommentaren zu den öffentlich-rechtlichen Nachrichtensendungen aufgeben ließ. Die schlampige Sprache, Sätze ohne Verben und überreich an Floskeln, hatten ihn geärgert – aber mehr noch, dass ARD und ZDF ihre Chronistenpflicht vernachlässigen und ihrem Auftrag zur „Grundversorgung mit politischer Information“ nicht mehr nachkommen. Ein neues Regierungskabinett sei den Sendern weder einen „Brennpunkt“ noch eine andere Sondersendung wert. „Noch nie habe ich so viele zustimmende Mails bekommen“, sagt der ehemalige Mr. Tagesthemen und prämierte „Krawattenmann des Jahres 2005“.

Wickert betrachtet den wachsenden Politik- oder eher Parteiverdruss mit großer Sorge und sinnt über Wege nach, wie sich daran etwas ändern ließe. „Ich bin für die Abschaffung der Parteienfinanzierung“, sagt er entschieden. Auch all die Parteien-Stiftungen seien seines Erachtens überflüssig und nur „zum Demokratie-in-die-Welt-Hinaustragen“ da – und zwar, so setzt er ironisch hinzu, in Städte wie Washington und Paris.

In drei Stunden auch Helmut Kohl geknackt

Das Interesse an Politik könnte sich seiner Meinung nach über eine Öffnung der Parteien für Nicht-Mitglieder wecken lassen und durch die Einführung eines Mehrheitswahlrechts, das der Persönlichkeit mehr Rechnung trägt als der Parteikarriere. Wickerts Sympathie gilt einem SPD-Politiker, der „das Glück hatte, nicht durch die Partei laufen zu müssen“, der gerade ein „phantastisches Buch“ geschrieben und dessen Ausbrüche gefürchtet sind, weil er mit denen mal seine Parteigenossen als „Heulsusen“, mal die Schweizer als „Indianer“ abwatscht: Peer Steinbrück.

Werden Politiker immer erst nach Abdankungen oder Amtszeiten kantig und honorig? „Wer handelt, hat Gegner.“ Hinterher tue man sich immer leichter, sagt Wickert. Waren Politiker früher einmal mutiger oder authentischer? Auch wenn sie durch ständige Medienbeobachtung zur abwiegelnden Vorsicht gezwungen sind: „Nicht alle Politiker von heute sind schlecht“, betont er, und setzt hinzu: „Wir haben doch eine Super-Justizministerin.“

Die ehemalige brandenburgische Sozialministerin Regine Hildebrandt (SPD) genoss ebenfalls seine Bewunderung, aber sie bescherte ihm im „Tagesthemen-Interview“ auch sein größtes Fiasko. „Sie hat sechs Minuten gesprochen, ich konnte sie nicht unterbrechen.“ Im Regelfall muss der Interviewer sein Gegenüber jedoch erst einmal zum Sprechen bringen. In einem dreistündigem Gespräch habe er sogar den ansonsten bekannt medienfeindlichen Helmut Kohl aufgeknackt.

Seine Macht als „Tagesthemen“-Moderator setzte Wickert mitunter sehr bewusst ein. Wenn er tagelang an den Anfang der Sendung die neuesten Nachrichten über rechtsradikale Anschläge setzte, schärfte er die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit dafür. Auf solche Coups, die auch nie von einer Programmspitze unterbunden wurden, ist er immer noch stolz.

Zum Abschied erwartet man „eine geruhsame Nacht“ von ihm zu hören. Das allerdings passt nicht zur frühen Stunde. Wie er darauf kam? Eine „gute Nacht“ habe er angesichts der Nachrichten am Ende der Sendungen nicht wünschen wollen. „Geruhsam“ führte er dann schleichend und gegen seine Redaktion ein. Es wurde sein Markenzeichen.

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