Ulrich Wickert

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"Die Geheimnisse von Paris führen bis Afrika" - 08.03.2014, FAZ

Ulrich Wickert führt uns mit Vergnügen durch die dunkelsten Ecken französischer Skandale und zeigt uns zum Glück auch, wie man gut lebt.

Wer die vielfältigen und bunten Skandale, die dem öffentlichen Leben Frankreichs seinen ganz eigenen Charme verleihen, einem deutschen Publikum nahebringen möchte, braucht am besten eine Wandtafel in Klassenraumdimensionen und sehr viel Kreide in möglichst schillernden Farben. Jeder Skandal hat seine Mittlerfiguren, seine politischen Paten, es gibt kurzfristige Eklats und unterirdische Bezüge, die oft ganze Generationen hindurch wirken. Aber nach wenigen einführenden Darstellungen sieht etwa die Karachi-Affäre aus wie der Streckenplan der Rhein- Main-Verkehrsverbundes: Selbst Einheimische finden kaum vom Hauptbahnhof zum Römer, geschweige denn von Saint- Germain-des-Prés nach Pakistan.

Ein ganzes Berufsleben lang hat sich Ulrich Wickert mit diesem Problem her- umgeplagt. Im Medium des Fernsehens ist die Darstellung von französischen Staatsskandalen besonders schwierig, da bekommt man mit Glück einige Bilder von Gerichtsverfahren, die aber können sich hinziehen, können mäandern und dann in ganz verschiedenen Gerichten und allzu diversen Verfahrenskomplexen versickern. Selbst lange Artikel in Magazinen und Zeitungen vermögen nur, den Ausschnitt des gerade Virulenten darzustellen, langfristige Verbindungen er- kennt man nicht. Wickert verfiel also vor einigen Jahren schon auf die älteste und bewährteste Art, das deutsche Publikum über die Tiefen Frankreichs zu informieren, er verpackte die ganzen haarsträubenden, amoralischen und schwer beweisbaren Skandale in Geschichten.

In seinen Romanen, in denen der Untersuchungsrichter Jacques Ricou wie eine Mischung aus Tim (nur ohne Struppi) und James Bond ermittelt, lernen wir die schattigere Seite unseres westlichen Nachbarlandes kennen. Freilich nicht nur die. Wickert weiß als versierter Erzähler genau, wie er seine Leser mit der Schilderung der charmanteren Seiten des Lebens in Paris so milde und versonnen stimmt, dass er sie mit der Zumutung einer plötzlich hereinbrechen- den Wahrheit wieder erquicken kann.

In diesem Fall nun geht es um zwei Komplexe von Korruption, die in den französischen Medien seit langem thematisiert werden, hierzulande aber wenig Resonanz fanden. Sie drehen sich um die Finanzierung von Wahlkämpfen bürgerlicher Kandidaten mittels Kommissionen beim Verkauf französischer Rüstungsgüter oder Industrieanlagen, auch mögliche finanzielle Beziehungen zwischen dem ehemaligen Präsidenten Sarkozy und dem libyschen Revolutionsführer Gaddafi spielen eine Rolle. Ricou muss diesmal in Marokko ermitteln, das hier zum Symbol wird für alle zwielichtigen Beziehungen, die die französische Republik mit Ländern in Afrika unterhält.
Wickert schafft es, die Verbindlichkeit seines Tons und die Zuverlässigkeit der Personenbeschreibung mit teilweise schockierenden Wendungen zu verbinden, so dass das Grauen sich mit unabweislicher Erkenntnis paart. Dann lässt er den Leser aber nicht allein, die Figur des Ricou ist auch ein Virtuose in der Kunst des guten Lebens. Nach einer be- sonders schweren Schlappe, in der sogar ein kleines Kind in arge Bedrängnis ge- rät, stürzt er sich nicht etwa in den Rausch der Arbeit oder des Adrenalins, sondern schaltet erst sein Mobiltelefon ab und begibt sich dann in den Jardin du Luxembourg, um mitten in den Ermitt- lungen einige wesentliche Stunden lang nichts zu tun. Und das erweist sich als rettende Übung!

Ricou entwickelt sich in seiner Lebensführung zum Antipoden der Wichtigtuer, Strippenzieher und Geldvermehrer, die den politisch-industriellen Komplex bevölkern. So kann der Erzähler auf eine besondere Botschaft verzichten: Der Le- ser versteht instinktiv, wie man leben kann und soll. Wickert nutzt mit dem Vergnügen eines James Bond lesenden Jugendlichen die Möglichkeiten der Genreliteratur, mit wohligem Schaudern folgt man ihm in die Welt der Triaden. Dass man dabei eine Menge lernt über China und die Dinge des Lebens, wird zur zweit- schönsten Nebensache der Literatur.

Nils Minkmar

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